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Kostenlose Nachhilfe im Rathaus

Kolumne: Die Generation Z zeigt's Ihnen – Einen Personalausweis zu beantragen, ist kein Kinderspiel. Was Geduld, Bürokratie und Ordnung bedeuten, wird einem spätestens dabei klar.

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Geduld, Bürokratie und Ordnung. Der Anspruch ist hoch. Denn: Alle drei Eigenschaften zu erfüllen, ist keineswegs einfach. Wie gut, dass es hier adäquate Nachhilfe gibt. Das Beste: Sie ist kostenlos.

Die Anlaufstellen sind vielfältig. Mal stehen sie großklotzig in der Innenstadt. Mal muss man nach dem bescheidenen 80er-Jahre-Bau erst ein wenig suchen. Doch wenn der Bürger erst einmal davor steht, kann er sich sicher sein: Hier bin ich richtig. Vor einem deutschen Rathaus.

Auch ich übe mich noch in der perfekten Erfüllung der eingangs genannten Tugenden. Da dachte ich mir jüngst: Warum beantragst du nicht mal wieder einen neuen Personalausweis? Der deutschen Ordnung nach läuft der Ausweis in meinem jungen Alter alle sechs Jahre ab. Meine Zeit war um.

Öffnungszeiten des Rathauses bereiten mir erste Probleme

Zunächst musste ich feststellen, dass die Öffnungszeiten meines Bürgeramtes nicht gerade passend zu meinen Arbeitszeiten sind. Welcher normale Mensch arbeitet denn schon an einem Vormittag? Der Donnerstag war schließlich meine Rettung. Pünktlich zu 14 Uhr fuhr ich auf den Rathausvorplatz. Um diese Zeit sollte ich schnell durchkommen.

Bitte eine Maske tragen! Bitte mit der Luca-App einchecken! Die Schilder an der Eingangstür waren schon von Weitem zu sehen. Ich setze brav meine Maske auf und scannte den QR-Code am Eingang. Die größte Hürde schien mir geschafft.

Eiligen Schrittes ging ich in Richtung Bürgeramt. Die Frau am Empfang schien beschäftigt, also grüßte ich mit einem Nicken. "Halt", tönte es plötzlich hinter mir. "Haben Sie Ihre Kontaktdaten hinterlegt?", fragte die Frau am Empfang. Ich bestätigte ihre Frage und wollte mich gerade wieder umdrehen, als sie erneut in lautem Ton fragte: "Haben Sie denn einen Termin?"

Eine Terminvereinbarung ist im Rathaus keineswegs einfach

"Nein, den habe ich nicht", sagte ich. Seit Montag brauche ich den aber, erklärte mir die nun stehende Frau am Empfang – wegen Corona. Ich entschuldigte mich. "Können Sie nachfragen, ob gerade ein Mitarbeiter frei ist und ich dazwischen kommen kann", fragte ich. Nein, das ginge nicht. Denn: Ich brauche einen Termin.

"Kann ich denn bei Ihnen einen Termin vereinbaren", fragte ich. Nein, nur telefonisch. Die Frau drückte mir eine Karte mit einer Telefonnummer in die Hand und drehte sich weg.

Ich war zugegebenermaßen etwas verwirrt. Auf der Karte stand die Nummer der Zentrale. Ich ging also zwei Schritte zurück, zog mein Smartphone hervor und wählte die Nummer. Nach zwei Signaltönen nahm die Frau am Empfang – zwei Schritte von mir entfernt – den Hörer ab. "Gemeindeverwaltung, was kann ich für Sie tun", fragte sie mit einer hellen Telefonstimme.

"Ich möchte einen Termin für die Beantragung eines neuen Personalausweises, antworte ich ebenso freundlich und schaute meiner Telefonpartnerin in die Augen."Jan-Christoph Scholz

"Ich möchte einen Termin für die Beantragung eines neuen Personalausweises", antworte ich ebenso freundlich und schaute meiner Telefonpartnerin in die Augen. "Kleinen Augenblick, ich stelle Sie eben durch", sagte die Frau am Empfang und legte auf. Ich landete telefonisch im Bürgeramt.

Die Dame dort meinte: "Ach, wenn Sie sowieso schon vorne stehen, dann kommen Sie doch eben durch. Wir haben gerade ein wenig Luft." Ich legte auf und ging in Richtung Bürgeramt. "Haben Sie denn jetzt einen Termin?", fragte die Frau am Empfang. "Ja, den habe ich", antwortete ich.

Nach etwa einer Dreiviertelstunde verließ ich das Bürgeramt wieder. Denn zu allem Unglück erwischte ich eine ganz neue Mitarbeiterin, die anscheinend zum ersten Mal einen Personalausweisantrag bearbeitete. Ich ließ das geduldig über mich ergehen.

Auf dem Weg nach draußen sagte die Frau am Empfang zu mir: "Tschüss, einen schönen Tag noch!" Was Geduld, Bürokratie und Ordnung bedeuten, weiß ich nach diesem Tag mehr als gut. Danke für die Nachhilfe!


Zur Person:

  • Jan-Christoph Scholz ist Volontär der OM-Medien.
  • Sie erreichen den Kolumnisten per E-Mail an: redaktion@om-medien.de.

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