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Körperverletzung in einer Gemeinschaftsunterkunft

Kolumne: Recht hat, wer Recht bekommt – Wer gegen einen Strafbefehl Einspruch einlegt, der sollte wissen: Es kann auch schlimmer werden.

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Es klang wichtig und schwierig. Tatsächlich aber ging es in dieser Verhandlung zu wie beim „Hornberger Schießen“. Mit dem Ergebnis: Es gab einen Strafbefehl gegen einen 42-Jährigen, der mit seiner Familie in einer Gemeinschaftsunterkunft in Vechta lebt. Das Opfer ist ein Landsmann, der einen Faustschlag aufs Auge bekam und operiert werden musste.

Gegen den Angeklagten war zunächst ein Strafbefehl mit einer Geldstrafe von 70 Tagessätzen zu je 10 Euro ergangen. Gegen diesen Strafbefehl hatte der Mann Einspruch eingelegt, obwohl er die Tat gestanden hatte. Fünf Stunden wurde verhandelt, sechs Zeugen wurden gehört. Alles musste in mehrere Sprachen übersetzt werden, und heraus kam eine Geldstrafe von 80 Tagessätzen zu je 10 Euro.

Das Angebot, den Einspruch zurückzunehmen, nahm die Verteidigerin nicht an. Vielleicht war sie neu auf dem Gebiet der Strafverteidigung? Für den Angeklagten bedeutet das 100 Euro mehr, wenn man die Kosten für Verteidigerin und Dolmetscherin sowie die Gerichtskosten nicht mitrechnet.

"Ein kleines Mädchen hatte für Aufregung gesorgt, weil es um einen Mülleimer, um Toilettenpapier und andere harmlose Ding ging."Klaus Esslinger

Die Vorgeschichte: Es war der 10. Juli 2021, 14 Uhr: Ein kleines Mädchen hatte für Aufregung gesorgt, wobei es um einen Mülleimer, um Toilettenpapier und andere harmlose Dinge ging. Eine Bewohnerin macht der Mutter des Kindes Vorwürfe. Man beleidigte sich gegenseitig, wie alle erklärten.

Es schalteten sich dann die Männer ein. Auch der spätere Angeklagte kam hinzu; mit Alkohol im Blut, wie eigentlich immer. Auf ihn sei dann ein Mann mit erhobenem Arm zugekommen. Dem habe er einen Faustschlag aufs Auge verpasst. Den Vorwurf, nun nach einem Messer gegriffen zu haben, bestritt er halb. Er habe nicht gemerkt, dass es ein Messer gewesen sei. Er habe nur einen Gegenstand haben wollen und gegriffen, was auf dem Tisch lag. Das war das Messer; es sei ihm aber sofort abgenommen worden.

Sechs Zeugen traten nun auf. Drei sagten für den 42-Jährige aus, drei gegen ihn. Für den Staatsanwalt ging es in seiner „Aufarbeitung“ um die Frage, ob der Mann in Notwehr gehandelt habe. Der Anklagevertreter meinte, eher nicht. Der Angeklagte sei zwar angetrunken gewesen, aber eine Notwehrsituation habe es nicht gegeben. Man solle doch bei der Strafbefehlsstrafe von 70 Tagessätzen bleiben.

Die Verteidigerin sah das ganz anders. Der Angeklagte habe seine Frau verteidigen wollen. Das spätere Opfer sei bedrohlich auf den Angeklagten zugekommen. Ein Freispruch sei gerechtfertigt.

Die Strafrichterin fasste sich nach der Mammutverhandlung kurz; keine Notwehr, sondern eine Körperverletzung mit erheblichen Folgen. Sie erhöhte die Geldstrafe auf 800 Euro, zu zahlen in Raten von monatlich 80 Euro oder umzuwandeln in gemeinnützige Arbeit.

Die Verhandlung dauerte von 10 bis 15 Uhr. Schade um die Zeit. Immerhin: Es siegte die Gerechtigkeit.


Zur Person:

  • Klaus Esslinger ist Gerichtsreporter und war viele Jahre Lokalchef der Oldenburgischen Volkszeitung.
  • Kontakt zum Autor über: redaktion@om-medien.de.

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