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Kita-Chefin kletterte bis zur Dachrinne

Auch für schmutzige Arbeit war sich Elisabeth Langner nie zu schade. 34 Jahre hat die Böselerin in Cloppenburg Pionierarbeit in der Kita geleistet und  zwischendurch sogar den Hausmeister ersetzt.

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Endlich zu Hause: Jetzt kümmert sich Elisabeth Langner nur noch um die Familie und ihr Enkelkind. Foto: Kreke

Endlich zu Hause: Jetzt kümmert sich Elisabeth Langner nur noch um die Familie und ihr Enkelkind. Foto: Kreke

Schmutzige Hände hat Elisabeth Langner nie gescheut. Wenn die verstopfte Dachrinne am Kindergarten St. Vincenz überlief, stieg die Leiterin selbst auf die Leiter. Den vereisten Gehweg hackte die gebürtige Friesoytherin im Winter zusammen mit ihren Kolleginnen eigenhändig frei. „Einen Hausmeister hatten wir ja nicht“, erzählt die 64-Jährige.

"Kinder sind geborene Lerner"

Nicht nur mit ihrem praktischen Vorbild, auch inhaltlich ist Elisabeth Langner 34 Jahre lang zupackend und geduldig vorangegangen, mitunter sogar (unversichert) auf der Leiter. In Cloppenburg an der Resthauser Straße etablierte die in Bösel lebende Erzieherin den ersten Kindergarten der Stadt mit Ganztagsbetreuung. Im Galgenmoor hob die Pionierin mit ihrem Team den starren Wochenplan und die Gruppeneinteilung auf, um Kindern mehr Freiraum zu geben, um aus eigenem Antrieb Wissen zu erfahren. Denn: „Kinder sind geborene Lerner.“

10 Jahre hatte die junge Erzieherin schon in Oldenburg gearbeitet, als sie an der Resthauser Straße die Führung übernahm. Der (längst abgerissene) Kindergarten „war so alt und hässlich, dass keiner seine Kinder da hinschicken wollte“, erinnert sich die Leiterin: „Wir mussten kämpfen.“ Eine von Langner angezettelte Sammelaktion auf der Straße löste Spenden von über 10.000 D-Mark aus. Väter und Erzieherinnen bauten davon am Wochenende einen neuen Spielplatz.

Für das neue Ganztagsangebot kochten Nonnen aus dem Kinderheim St. Vincenz das Mittagessen. „Das haben wir jeden Tag in Pötten über die Straße getragen“, erzählt Langner. Als das Heim mitsamt Küche die St.-Michael-Straße umzog, stellte Langner die vollen Suppentöpfe in den Kofferraum ihres neuen Autos. Ihr Mann war abends wenig amüsiert, als er die Schwapp-Spuren des eiligen Transports entdeckte.

"Wenn Kinder aus sich heraus ihr Wissen vervollständigen wollen, ist das der richtigere Weg."
Elisabeth Langner

Als der marode Altbau abgerissen und der neue Kindergarten im (wachsenden) Galgenmoor gebaut wurde, startete das ganze Team mit einem neuen Konzept durch. „Wir waren alle jung und haben uns nicht gescheut, neue Wege einzuschlagen“, sagt Langner. Die „offene Arbeit“ mit Kindern, die sich frei bewegen können, um ihren Interessen zu folgen, erforderte ein „ganz anderes Miteinander“. Jede Erzieherin musste jedes Kind kennen, seine Entwicklung im Blick behalten und sich mit allen Kolleginnen austauschen, wo es Rückstände gibt, die mit gezielten Angeboten und Anreizen ausgeglichen werden.

Spaß am Rollenspiel: Für das Motto, das sich Kinder wünschten, verkleidete sich das ganze Team.Spaß am Rollenspiel: Für das Motto, das sich Kinder wünschten, verkleidete sich das ganze Team.

„Das war eine ganz große Leistung von meinem Team“, sagt sie, „weil 22 an einem Strang ziehen müssen, sonst funktioniert das nicht.“   Doch der große Aufwand lohnt sich, glaubt sie, denn: „Wenn Kinder aus sich heraus ihr Wissen vervollständigen wollen, ist das der richtigere Weg.“ Überzeugt hat Langner die letzten Zweifler(innen) mit Geduld. „Ein Machtwort hilft nie“, sagt die 64-Jährige.

Um das Verständnis der Eltern hat sie sich mehr als bemüht. Langner und ihre Kolleginnen erfanden Möglichkeiten, auch Mütter und Väter mit knapper Zeit auf dem Laufenden zu halten – zum Beispiel mit einem persönlichen Tagebuch. Darin tragen Erzieherinnen ein, was sie dem Kind und den Eltern mitgeben möchten. Die Eltern können ihre Beobachtungen und Überlegungen zurückgeben.

"Eltern sind aufmerksam und nehmen gern Rat an“

In den Chor der Zeitkritiker, die an Erziehungsversäumnissen in den Familie herummäkeln, mag Langner überhaupt nicht einstimmen. Im Gegenteil. „Die Eltern sind aufmerksam und nehmen gern Rat an“, urteilt sie aus ihren Erfahrungen.

Den Abschied haben ihr die Kinder und die Kolleginnen schwer gemacht. In ihrer Küche zieht Langner eines von Dutzenden Schraubdeckel-Gläsern aus dem Regal: Jedes einzelne ist mit einem persönlichen Gruß, einer Botschaft oder einem Dank gefülllt. Eines der Kinder hat Lieder für sie gesungen und auf einem USB-Stick aufgenommen.

Zum Abschied gute Wünsche aus dem Glas

Die bunten Schoko-Stückchen hat eine Kollegin mit lauter guten Eigenschaften der Ex-Chefin umwickelt. „Die wollte ich eigentlich am Wochenende verputzen“, erzählt Langner lachend: „Das hab‘ ich dann nicht übers Herz gebracht.“ Den Abschied erleichtert ihr eine Gewissheit: Mit dem Team und ihrer Nachfolgerin Renate Hogenback verbindet sie eine enge Übereinstimmung, wie Kinder pädagogisch begleitet wachsen können. Ab sofort ist Langner nur noch für ein Kind zuständig: Ihr Enkelsohn ist gerade mal 18 Monate alt. Wenn er morgens in der Oberwohnung über den Boden tapst, freut sich unten im Haus eine gut gelaunte Großmutter auf ihren Einsatz.

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