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Kirchenbuch offenbart: 4 Schläge auf die Hand für Schüler, die nicht still sind

Maria Ameskamp hat sich für den Heimatverein intensiv mit dem 1. Garreler Kirchenbuch beschäftigt – und ist dabei auf interessante Notizen gestoßen, so auch auf alte Rezepte und Bestrafungslisten.

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Notizen aus dem 1. Garreler Kirchenbuch: Ein "bewehrtes Mittel vur Krätze oder Schorff". Foto: Hoff

Notizen aus dem 1. Garreler Kirchenbuch: Ein "bewehrtes Mittel vur Krätze oder Schorff". Foto: Hoff

Normalerweise dienen Kirchenbücher bis heute als Verzeichnisse der Sakramentenspendung. So werden beispielsweise Taufen, Trauungen, Erstkommunionsfeiern, Firmungen oder Todesfälle von Pfarrern meist in chronologischer Reihenfolge dokumentiert. Historische Kirchenbücher sind daher wertvolle Quellen der Forschung. Maria Ameskamp hat jetzt bei ihrer Recherche für den Heimatverein Garrel herausgefunden, dass die Seiten in Kirchenbüchern damals auch für Notizen über die Gemeinde, das Wetter, politische oder gesellschaftliche Themen genutzt wurden. So auch im ersten Kirchenbuch von Garrel, in dem Bestrafungslisten und alte Rezepte schriftlich festgehalten wurden.

Die Kirchenbücher des oldenburgischen Teils des Bistums Münster befinden sich im Offizialatsarchiv in Vechta. In ihrem Bericht schreibt Ameskamp: "Garrel war bis 1872 Teil der Pfarrei Krapendorf (St. Andreas, Cloppenburg). Eine Kapelle, die dem Heiligen Johannes d. Täufer gewidmet war, gab es bereits im Mittelalter, zum ersten Mal erwähnt wird sie 1597. Seit 1679 gab es einen ständigen Gottesdienst an Sonn- und Feiertagen. Der Kaplan wohnte in Cloppenburg und kam zur Heiligen Messe nach Garrel, er musste dort auch bei den Eingesessenen übernachten.

Der erste Geistliche, der auch in Garrel wohnte, war Kaplan Abel Brinkmann, er war von 1783 bis 1810 Seelsorger in Garrel. Während seiner Zeit beginnt das erste Garreler Taufbuch. Allerdings seien die Taufen, Beerdigungen und Trauungen weiterhin in Krapendorf aufgezeichnet worden. 

Rezepte gegen Krätze oder Schorf finden sich in dem Kirchenbuch

In dem Kirchenbuch 1 von Garrel, in dem die Taufen aus den Jahren 1799 bis 1839 verzeichnet sind, "befinden sich auch handschriftliche, meist undatierte Eintragungen", etwa Rezepte für verschiedene Leiden. So gibt es zum Beispiel ein Mittel bei "Ohrensausen", bei "Haubt fluß oder Zahnwehe" oder ein "Recept für das Gehör". Auch ein Mittel gegen Krätze oder Schorf ist dort zu finden oder "wenn die Kälber nicht gut zur Welt kommen" sowie ein Mittel für kalte Leiber.

Unterschrieben seien diese Rezepte von "J.A.T. (?) Butnick, Pferdearzt der holländischen Artillerie Train". Laut Ameskamp Recherchen steht dieser Name mehrmals hinter den Rezepten, erstmals ab 1806. Ameskamp vermutet, dass dieser Mann in der Zeit der napoleonischen Kriege kurzzeitig in Garrel gewesen sein könnte. "Denn 1806 wurde das Herzogtum Oldenburg von den Truppen des Königs Louis von Holland, einem Bruder Napoleons, okkupiert", schreibt sie in ihrem Bericht. Auch das Wort "Train" unterstütze diese Vermutung, denn es sei ein Wort aus der deutschen und französischen Militärsprache zwischen dem 18. und dem frühen 20. Jahrhundert und eine Bezeichnung für das militärische Transportwesen gewesen.

Lehrer hat Bestrafungsliste niedergeschrieben

In dem Kirchenbuch findet auch der Lehrer Karl Diekmann Erwähnung, "dessen Name auf der ersten Seite neben dem Namen Butnick" geschrieben stehe. Heinrich Kalvelage berichtet in der 1972 erschienenen Gemeinde-Chronik, dass Karl Diekmann im Oktober 1804 um eine "anständige Wohnung" gebeten habe, da er bislang nur zur Miete gewohnt habe. In dem Kirchenbuch taucht eine undatierte Liste auf, die "minutiös die Menge der Schläge für die Bestrafung der Kinder in der Schule aufführt", schreibt Ameskamp. Die Vermutung liege daher nahe, dass sie von Diekmann verfasst wurde, der "neben der Bestrafungsliste auch Rechenaufgaben zur Anwendung der Proportions- und Kettenregel in das Buch schrieb".

So seien beispielsweise Schüler, die lügen, mit 4 Schlägen bestraft worden. Wer ohne Erlaubnis seinen Platz verließ, nicht gelernt hat oder nicht still war, erhielt ebenfalls 4 Schläge. 6 Schläge gab es für Kinder, die in der Kirche "unartig" waren oder die "aus der Schule gepetzt" haben. 

Mindestens seit 1803 wurde auch im Sommer unterrichtet

Für Familienforscher sei eine im Kirchenbuch aufgeführte Tabelle sehr interessant, die für die Jahre 1803 bis 1807 dokumentiert, wie viele Kinder einer Familie den Sommerkurs der Schule besuchten und was die Eltern dafür zahlen mussten. "Mindestens seit 1803 gab es in Garrel demnach also außer der Schulzeit im Winter auch Unterricht im Sommer", schlussfolgert Ameskamp.

Eine detaillierte Liste der Namen und den ausführlichen Bericht von Maria Ameskamp gibt es in der aktuellen Ausgabe des „Dörpblatts“ (Nummer 72 vom Juli 2022), herausgegeben vom Garreler Heimatverein.

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