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Kilmer...Was?

Kolumne: Das Leben als Ernstfall – Das Oldenburger Münsterland ist anders. Daher sorgen Einheimische mit Begriffen wie "Tunscheren" und "Wäp! Wäp!" zuweilen für große Augen in der Landeshauptstadt.

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Montagmorgen, 7.30 Uhr, August 2017, der 1. Plausch an der Kaffeemaschine. Während meine Kollegin mit dem Kopf auf der Suche nach ihrem längst vergessenen Schokoriegel tief im Kühlschrank versinkt, erkundigt sie sich nach meinem Wochenende. Wie selbstverständlich berichte ich von dem Kilmerstuten, den wir in der Heimat zu Freunden gebracht haben. Ich schwärme gerade von dem Zuckerguss in Kombination mit salzigem Schinken, als sie mich harsch unterbricht. "Kilmer… Was?", fragt sie, haut die Kühlschranktür zu und schaut mich mit großen Augen an. Ach ja... ich vergaß. Wir sind in Hannover.

Immerhin: Kohltouren sind bekannt

Vorsichtig hake ich noch mal nach, ob ihr die Begriffe "Tunscheren" oder "Wäp! Wäp!" etwas sagen. Schweigen. Vielsagend zieht sie eine Augenbraue hoch. Ob sie denn zumindest schon mal etwas von Kohltouren gehört hat, frage ich. Nicken. Ein Glück. Ich komme doch nicht aus einer völlig fremden Welt.

Es war eine von vielen Situationen während meiner Zeit in Hannover, die mich erkennen ließ, dass meine Heimat – das Oldenburger Münsterland – anders ist. Die Uhren ticken anders. Die Mentalität der Menschen ist anders. Aber auch besonders. Besonders einzigartig und besonders liebenswert. Mit besagter Kollegin habe ich noch heute engen Kontakt und wieder schlackerten ihr die Ohren, als ich ihr nun jüngst erzählte, dass wir in der Nachbarschaft eine "Grüne Hochzeit" haben und wir nun "kränzen" dürften. Voller Vorfreude berichtete ich von dem Prozedere, das sich über Wochen hinzieht: "Kranz fragen, Kranz ausmessen, Blumen zeigen, Blumen basteln, Grün holen, Kränzen, Kranz aufstellen, Böllern, Kranz verbrennen..." Ihr einziger Kommentar: "Bei euch ist die Welt noch in Ordnung."

"Aber viel wichtiger: Es geht um Geselligkeit und Zusammenhalt. Um Gründe, das Leben zu feiern."Sandra Hoff

Ja! Okay, seien wir mal ehrlich, wenn wir einen "Maibaum aufstellen", uns zum "Kind pinkeln lassen" oder zum "Auto putzen" treffen, dann geht’s auch um den Durst, der gestillt werden will. Aber viel wichtiger: Es geht um Geselligkeit und Zusammenhalt. Um Gründe, das Leben zu feiern. Die Meinungen über Brauchtum mögen weit auseinandergehen. Die einen pflegen es, andere schütteln verständnislos mit dem Kopf. Und ja, wenn ich am Wochenende morgens von kalorienfreier Schokolade träume und plötzlich um Punkt 6 Uhr senkrecht im Bett stehe, weil 2 Straßen weiter geböllert wird, fluche ich auch erst für 30 Sekunden wie ein Rohrspatz.

Dann fallen Wörter, die ich hier nicht niederschreiben darf. Aber irgendwann versteht mein verschlafenes Gehirn, dass Nachbarn und Brautpaar in diesem Augenblick eine Menge Spaß haben - und ich gönne es ihnen. Und wenn wir doch eins gelernt haben in den vergangenen 1,5 Jahren, dann, dass wir die Feste so feiern sollten, wie sie fallen, und wir den Kontakt zu Familie, Freunden und Nachbarn genießen sollten.


Zur Person:

  • Sandra Hoff ist Redakteurin der OM-Medien.
  • Die Autorin erreichen Sie per Mail an: redaktion@om-medien.de

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