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Keine Angst vor Astrazeneca: Boom bei Impfanmeldung

Die Sperrung des Impfstoffs von Astrazeneca für Menschen unter 60 Jahren hat im Kreis Cloppenburg zu einem Anmeldeboom der über 60-Jährigen geführt.

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Warten auf den Schutz: Im Impfzentrum ist die Reihenfolge durcheinandergeraten, aber keine Dosis bleibt im Kühlschrank liegen, trotz der Unklarheiten um AstraZeneca.   Foto: MT-Archiv

Warten auf den Schutz: Im Impfzentrum ist die Reihenfolge durcheinandergeraten, aber keine Dosis bleibt im Kühlschrank liegen, trotz der Unklarheiten um AstraZeneca.   Foto: MT-Archiv

Weil der Landkreis kurzentschlossen die frei gewordenen Dosen für die Anmeldung älterer Menschen freigegeben hat, nahmen gestern Hunderte von Senioren lange Wartezeiten am Tablet oder am PC in Kauf, viele vergeblich. Aber noch ist nichts verloren.

„Die Server des Anbieters waren völlig überlastet“, berichtet Kreissprecher Frank Beumker. Das Unternehmen steuere nun die Zugriffe. „Es wird im Laufe des Tages immer wieder möglich sein, sich einzubuchen“, sagte er. Insgesamt würden freie Termine „im vierstelligen“ Bereich vergeben.

Heiko C. aus Cloppenburg, der es morgens ab 9 Uhr im Portal versuchte, schied nach 29 Minuten aus der Warteschleife aus. Pensionär Hubert K. (66) rechnete gegen 10.20 Uhr nicht mehr damit, einen Impftermin zu ergattern.

200 Dosen waren Mittwoch frei geworden

Allein am Mittwoch waren im Impfzentrum 200 Dosen des umstrittenen Impfstoffs frei geworden. Nur noch 50 der 250 angemeldeten Impfkandidaten durften versorgt werden, weil die Ständige Impfkommisson (Stiko) des Bundes nach 31 Hirnvenen-Trombosen in Deutschland  generell von Astrazeneca für Patienten unter 60 Jahren abgeraten hat.

Der Landkreis Cloppenburg informierte daraufhin in einer Telefenonaktion bis in den späten Abend hinein etwa 200 Betroffene, dass ihr Termin ausfällt. Den großen Aufwand hob der medizinische Leiter des Impfzentrums, Prof. Joachim Schrader, gestern hervor: „Ich habe nicht damit gerechnet, dass die Mitarbeiter das so schell schaffen.“ Trotz der Absagen hätten die meisten geduldig und mit großem Verständnis reagiert, berichtete Beumker.

Mit ihrer raschen „Umbuchung“ auf die Impfgruppe ab 61 verstoßen Kreis und Impfzentrum streng genommen gegen die amtliche Prioritätenliste aus Berlin. Demnach dürften in der Rangfolge eigentlich nur ersatzweise Patienten ab 61 mit Vorerkrankungen vorgezogen werden. Auf den Nachweis einer besonderen gesundheitlichen Vorbelastung haben Kreis und Impfzentrum jedoch bei ihrer Eil-Aktion bewusst verzichtet. „Ich wüsste nicht, wer uns dafür kritisieren sollte“, sagte Schrader. Es sei „ethisch völlig vertretbar“, in einer Ausnahmesituation die nächste Gruppe, die ein Anrecht hätte, mit ins Boot zu holen, um das Impftempo nicht zu drosseln. Auch Frank Beumker, der Pressesprecher des Landkreises betonte, in dieser Lage gehe es um einen raschen Schutz und nicht „um einen Kühlschrank voller Impfdosen auf Lager“.

Für jüngere Menschen muss Ersatz an Impfstoffen her

Zugleich kritisierte der Mediziner vorsichtig die Empfehlung der Stiko. Denn die Ratgeber des Bundesgesundheitsministers haben keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen gemacht, obwohl von der seltenen Sinusvenen-Trombose überwiegend Frauen bis 55 Jahre betroffen waren, aber nur verschwindend wenig Männer, obwohl AstraZeneca in Deutschland bisher rund drei Millionen Mal eingesetzt worden ist. Gegen eine Verwendung für Männer ab 55 würde auch bei einer kritischen Risikobetrachtung nichts sprechen.

Fest steht: Der As­trazeneca-Stopp hat etliche Terminabsagen und -verschiebungen ausgelöst. So ist offen, was mit Patienten geschieht, die ihre Erstimpfung mit dem umstrittenen Vakzin erhalten haben und nun auf die Zweitdosis warten. Bleibt es bei der Einschätzung, dass das Serum ab 61 Jahren unbedenklich ist, könnten die Zweitimpfungen für diese Altersgruppe fortgesetzt werden. Die Stiko will sich jedoch erst Ende April festlegen, berichtete Beumker. Solange bleiben die bereits für den Mai vergebenen Astrazeneca-Termine gültig. „Wir sagen da nichts ab“, betonte Schrader. Nicht betroffen sind die über 70-Jährigen, die mit Moderna und BionTech versorgt werden.Für die jüngeren Impfwilligen unter 60 Jahren braucht der Landkreis auf jeden Fall einen AstraZeneca-Ersatz. Doch der ist noch immer knapp.


Kommentar zum Thema von Hubert Kreke (Reporter):

Risiko ist überschaubar

Die Reaktion der Menschen auf die handstreichartige Impffreigabe mit Astrazeneca zeigt: Cloppenburger sind (wie alle halbwegs informierten Deutschen) durchaus in der Lage, das Risiko einer AstraZeneca-Impfung selbstständig und zutreffend einzuschätzen. Der Ansturm auf die freien Termine ist nicht blind, sondern wohlkalkulkiert: Wenn es unter den Geimpften ab 55 Jahren bisher keine nennenswerte Häufung schwerer Erkrankungen gegeben hat und das Serum schon nach der ersten Dosis zu 94 Prozent vor schweren Covid-19-Verläufen schützt, gibt‘s keinen Grund zur Zurückhaltung. Auch nicht für die Ständige Impfkommission. Weshalb diese Experten noch einen Altersaufschlag von 5 Jahren draufgelegt haben und das Risiko von Frauen und Männern über einen Kamm scheren, obwohl Männer nur in wenigen Fällen unter Millionen betroffen waren, lässt sich nur mit der Angst vor Verantwortung erklären. Da ist es gut zu wissen, dass im Kreis Cloppenburg der Mut zur Verantwortung größer ist. Die Entscheidung, auch einer Risikogruppe „tiefer“ in der Rangfolge freie Impfdosen zu verabreichen, ist richtig, weil es nicht mehr um Bevorzugung oder Benachteiligung, sondern allein noch um Fortschritt beim Schutz der Menschen geht.

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