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Kardinal Steiner sieht Krise als Chance

Für eine Goldhochzeit reiste der Erzbischof von Manaus nach Visbek. Nach einem Besuch vor 25 Jahren hat der Franziskanerpater bis heute enge Kontakte in die Region.

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Zu Gast in Visbek: Der designierte brasilianische Kardinal Leonardo Steiner. Foto: Kattinger

Zu Gast in Visbek: Der designierte brasilianische Kardinal Leonardo Steiner. Foto: Kattinger

Vor 25 Jahren kam der Franziskanerpater Leonardo Ulrich Steiner fast zufällig als Urlaubsvertretung nach Visbek. Bis jetzt hat der heutige Erzbischof von Manaus den Kontakt nach Südoldenburg gehalten. Am Samstag (27. August) wird Papst Franziskus den 71-Jährigen offiziell zum Kardinal ernennen.

Auf welchem Wege haben Sie erfahren, dass Sie Kardinal werden?
Es war Sonntagmorgen. Einer der beiden Weihbischöfe, mit denen ich zusammen wohnte, sagte "Herzlichen Glückwunsch!" Ich fragte: "Wieso?" "Ja, du wurdest zum Kardinal ernannt!" Ich habe das zunächst für einen Scherz gehalten. Ich musste dann noch zu einem Gottesdienst in eine Gegend weit weg, in der es keinen Strom gibt. Erst im Laufe des Nachmittags habe ich es tatsächlich realisiert.

Was haben Sie dann empfunden?
Für mich war das eine Überraschung. Dann dachte ich: "Der Heilige Vater denkt wieder an das Amazonasgebiet." Auch andere haben so empfunden: Während der Pandemiezeit hat der Heilige Vater uns angerufen. Jetzt hat er wieder zum Amazonas geschaut. Er hat – so meine ich – eine tiefe Beziehung zu unserem Gebiet. Zu unserer Kirche. Zu unseren Problemen. Die Ernennung ist also kein Verdienst von mir. Es ist auch keine Erhöhung meiner Person, sondern ein Dienst.

Was wird Ihr wichtigstes Ziel sein als Kardinal?
Unsere Kirche in Amazonien ist eine, die zusammenarbeitet. Wir diskutieren. Wir treffen uns als Bischöfe, als Laien. Da gibt es eine tiefe Beziehung untereinander. Das möchte ich fortführen. Dann sind mir die vier Träume wichtig, die Papst Franziskus uns in einem Brief nach der Amazonassynode mitgeteilt hat. Die können unserer Kirche Orientierung und Hoffnung geben.

Was sind das für Träume?
Da ist etwa der Sozialtraum: Es kann nicht mehr ein so riesengroßer Unterschied sein zwischen Arm und Reich. Da ist der Kulturtraum: Es gibt so viele verschiedene Kulturen in Amazonien. Es gibt die indigene Kultur, verschiedene Religiositäten. Der Papst sagt, dass diese Kulturen nicht auf die Seite gedrängt werden dürfen. Der dritte Traum bezieht sich auf das Thema Ökologie. Die Kirche soll sich hier einsetzen und Gesicht zeigen. Dieser Brief also ist mir wichtig. Wir dürfen als Kirche nichts zur Seite schieben. Wenn man das Wort Gottes liest, kann man diese Träume alle darin finden.

Das heißt, sie werden auch als Kardinal in Manaus bleiben.
Genau.

Die Kirche in Deutschland durchlebt eine äußerst schwierige Zeit im Moment. Was ist Ihr Rat?
Ich glaube, man darf keinen Rat geben. Man sollte vielmehr zusammen reflektieren und in den Dialog kommen. Ich glaube, immer, wenn es eine Krise gibt, gibt es eine Chance, dass man die Wahrheit wiederfindet. Wenn man offen ist und nichts unter den Teppich kehrt, ist das eine große Möglichkeit, dass die Kirche sehr lebendig wird. Wir hatten schon viele sehr schwierige Momente in der Geschichte. Ich sehe das als Chance für die Kirche in Deutschland.

Stichwort: Synodaler Weg...
Auch den Synodalen Weg halte ich für eine Chance. Natürlich, das bringt Spannungen. Da darf man aber nie bange sein. Auch wenn es aggressive Meinungen gibt, darf man keine Angst haben. Ich meine, dass immer eine Chance da ist. Immer. Denn das Reich Gottes ist ja nicht unser Wille. Es setzt sich immer in der Geschichte durch. Das hängt nicht von unserer Meinung ab.

Was wir nur immer fragen müssen: Sind wir Mitarbeitende am Reich Gottes?
Wo man meint, dass Gott verschwunden ist, dort ist er vielleicht noch mehr da als wir denken. Er ist die einzige Kraft, die uns weiterführt. Auch in der Krise.

Was am Evangelium ist Ihnen das wichtigste, das Sie der Welt verkünden möchten?
Papst Franziskus hat uns wieder erweckt für das Thema "Barmherzigkeit". Wenn wir darüber meditieren, sieht man, was Kirche, Glaube und Gemeinde ist. Barmherzig sein, ist sein wie Gott, der immer barmherzig ist. Er liebt alle, auch die ihn nicht lieben. Er liebt auch die, die sagen, dass er nicht existiert. Wenn man das Evangelium liest, sieht man, dass Jesus immer barmherzig ist. Er ist sozusagen das "Gottesgesicht".

Das wäre für Sie auch ein roter Faden für die Kirche?
Ja, Barmherzigkeit führt zusammen. Spaltet nicht.

Der Anlass, dass Sie jetzt ins Oldenburgische gekommen sind, ist eine Goldene Hochzeit. Jetzt sind Sie Kardinal. Ist die Treue im Kleinen auch eine Tugend?
Goldene Hochzeit ist nicht klein. Das ist ein Zeichen, wie wir leben können, wie wir uns hingeben können. Ich habe die Silberhochzeit dieses Paares vor 25 Jahren auch schon erlebt. Das ist auch ein Zeichen: Familie kann weitergeben. Glaube kann weitergehen.

Da lernen Sie auch als Erzbischof beziehungsweise Kardinal dazu?
Man lernt immer dazu. Auch im Kleinen. Bei den kleinen, armen Gemeinden. In Manaus gibt es entlang der Flüsse viele kleine Gemeinden mit etwa 20 Familien. Ich gehe da sehr gerne hin. Da staune ich, wie alle froh sind, sich helfen, gemeinsam beten, singen. Da lernt man sehr viel dabei.

Ihr Wunsch heute für die kommenden Jahre – für sich selbst, für die Zukunft?
Ich hoffe, dass ich weiter dienen kann.


  • Info: Der Autor Dietmar Kattinger ist Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Caritas.

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