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Junge Ingenieure packen mit 2200 Helfern im zerstörten Ahrtal an

Der Cloppenburger Jan Kolbe (24) und sein Studienfreund Kapillan Sivanesan (27) aus Nortrup nehmen Baumaterial mit. Spenden sind willkommen. Nächstes Wochenende schleppen sie wieder Schutt.

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Schutt für mehr als 2 Helfer: Jan Kolbe aus Cloppenburg (rechts) und Kapillan Sivanesan aus Nortrup schuften weiter am Wochenende im Ahrtal.   Foto: Privat

Schutt für mehr als 2 Helfer: Jan Kolbe aus Cloppenburg (rechts) und Kapillan Sivanesan aus Nortrup schuften weiter am Wochenende im Ahrtal.   Foto: Privat

Die Bilder aus dem Ahrtal, das Ausmaß der Zerstörungen haben Jan Kolbe (24) aus Cloppenburg ins Grübeln gebracht, menschlich und professionell. "Als Bauingenieur überlegt man: Ist das überhaupt zu schaffen? ", sagt Kolbe: "Und wie lange dauert das?" Die Antwort: Mit seinem Studienfreund Kapillan Sivanesan (27) aus Nortup ist der Cloppenburger am vergangenen Wochenende zum ersten Mal ins Ahrtal gefahren, um selbst mit anzupacken.

"Dann können wir auch gleich Baumaterial mitnehmen", schlug der Ingenieur aus dem Artland vor. Den Kleinlaster lieh die Familie Sivanesan ihrem Sohn. Auf die Ladefläche packten die jungen Männer direkt nach dem Dienst gespendete Maurerkübel, Säcke voll Zement und eimerweise Innenfarbe aus dem Baumarkt. Die Ingenieure wussten, was benötigt wird.

Ein ehrenamtliches Netzwerk von freiwilligen Fluthelfern ist in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen geknüpft worden. Engagierte Unternehmer, Landwirte und Handwerker, die schneller, direkter und persönlicher zupacken als Krisenstäbe und Behörden, koordinieren den Einsatz. "An dem Wochenende waren zum ersten Mal über 2200 Helfer gleichzeitig da", berichtet Kolbe, der in einem Planungsbüro in Oythen arbeitet. "Ich konnte mir nicht vorstellen, wie reibungslos so etwas abläuft", sagt der Cloppenburger. Der Ablauf klappte wie am Schnürchen.

Helfer verschenken Baumaterial aus riesigem Zelt

Nachts um 3 fuhr das Duo los, morgens um 7 Uhr Ankunft am riesigen  "Baustoffzelt": Unter 60 mal 24 Metern Plane tragen die Organisatoren das angelieferte Spenden-Material zusammen, alles, was für Roh- und Innenausbau nötig ist. Die betroffenen Hausbesitzer erhalten das Material kostenlos. "Was wir mitgebracht haben, war nach einer halben Stunde weg", berichtet Sivanesan, der in Nortup sonst Straßen und Baugebiete plant. 

"Scouts" sammeln in den zerstörten Dörfern und Städten Arbeitsaufträge verzweifelter Hausbesitzer. "Die Wohnungen müssen ja bis zum Winter dicht und trocken sein", unterstreicht der 27-Jährige.  Auf einem Sammelplatz in Walporzheim rufen die "Scouts" die angeforderte Helferzahl in die wartende Menge. Ein Bus-Shuttle-Service fährt die Freiwilligen kostenlos zur Baustelle.

Großer Zusammenhalt im Hochwassergebiet

In 40 Häusern schippten die Helfer Schutt, stemmten durchnässten Estrich aus den Böden. "Das sind nicht alles Handwerker", betont Sivanesan: "Da kann jeder mit anpacken." Kolbe nickt und lächelt: "Ich bin sonst eher der Theoretiker." Aber diesmal hielt er 7 Stunden körperliche Arbeit durch: Das Leichtathletik-Training beim TV Cloppenburg zahlte sich aus.

Die Atmosphäre in den durchweichten Gebäuden ist konzentriert: "Da wird nicht viel geredet", sagt der Nortuper Ingenieur: "Aber der Zusammenhalt ist richtig groß." Dankbare Dorfbewohner verpflegen die Freiwilligen kostenlos und reichlich. Wer keine Arbeitshandschuhe hat, kann sich aus Spenden bedienen. Abends werden die stumpfen Meißel in einer Zeltschmiede zu Hunderten geschärft für den nächsten Tag. Denn auch am Sonntag wird gestemmt, verputzt und gestrichen, 7 Stunden lang. Alle Werkzeuge haben Firmen und Privatleute bundesweit gespendet. Für die kostenlose Übernachtung steht online ein Vermittlungsportal bereit.

Ein Ingenieur stemmt mit: Der ganze Putz ist feucht. Foto: PrivatEin Ingenieur stemmt mit: Der ganze Putz ist feucht. Foto: Privat

Der Cloppenburger und sein Kollege kamen in einem privaten Zimmer nahe Neuenahr unter: "Da werden wir auch wohl das nächste Mal übernachten", sagt Kolbe. Denn das Duo lässt nicht locker: Am kommenden Freitag startet es erneut ins Ahrtal, diesmal mit 3 Lastern, die ein Bremer Truck-Store kostenlos zur Verfügung stellt. Spenden, um die Ladeflächen zu füllen, sind willkommen. "Wir geben auch gern persönlich Auskunft", betont der junge Mann aus Nortup. Nachahmer sind ihnen willkommen. "Wir haben viel gelernt", sagt Kolbe. Nicht nur beruflich...


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