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Jede Nachbarschaft verdient eine Regina

Kolumne: Das Leben als Ernstfall – Wo es augenscheinlich nur noch Leid und Klagen gibt, darf man nicht verlernen, auch die Lichtblicke im Leben wahrzunehmen.

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Sie sehne sich in einer Welt, die unwirtlicher derzeit kaum sein könnte, einfach nur noch nach Büchern mit Happy End. Dystopien habe sie zur Genüge gelesen, verriet die Journalistin und Autorin Margarete von Schwarzkopf jüngst in einem Literatur-Podcast. Und ich habe mir, als ich das hörte, die Frage gestellt, ob sie nicht womöglich ein wenig übertreibt. Ist denn wirklich alles schlecht da draußen? Ist uns alles Gute abhanden gekommen?

Darüber denke ich an diesem Morgen nach, während ich von draußen durchs gekippte Fenster das Rumpeln just geleerter Mülltonnen höre. Heut’ war die gelbe dran. Eine dort vors Tor, die nächste an, die letzte schließlich in die Garage. Tonne für Tonne kehrt im routinierten, gummibehandschuhten Griff von Regina zurück an die Burg. Wenn manch Nachbar später die Jalousien liftet, ist’s, als wäre nichts gewesen.

Und ich denke an den eingangs beschriebenen Podcast und die viel zitierte Ich-Gesellschaft in einer vermeintlich kühler werdenden Welt, in der jeder auf seinen persönlichen Vorteil bedacht ist, mit Scheuklappen durchs Leben geht. Vielleicht hat Margarete von Schwarzkopf ja doch Recht …

Durchs Fenster sehe ich wenig später, wie Regina von gegenüber mit dem Wagen vorfährt. Kofferraum auf, Leergut hinein. Nicht ihr eigenes. Nein, das der Nachbarin, der die Kisten im Herbst des Lebens mühsam geworden sind. Und wenn noch etwas einzukaufen ist, weil am Wochenende die Kinder aus Köln und Berlin nach Hause kommen – Regina kauft eh noch ein. Ob nun ein oder zwei Körbe im Auto stehen. Noch rasch den Weg zum Haus gefegt, drei Blätter Unkraut gezupft – schön soll’s schließlich aussehen, wenn die Nachbarin am Abend ihre Kartenspielerinnen empfängt.

„Regina macht – so manch Cloppenburger weiß das – kein Geheimnis aus ihren Erkenntnissen.“Heiko Bosse

In der Ukraine herrscht Krieg, die Inflation macht den Menschen zu schaffen. All das kann vielleicht auch die ältere Dame am Ende der Straße für einen Nachmittag vergessen, wenn Regina mit ihr geduldig zum Café schiebt und dabei den Rollator in der Spur hält.

Wir leben in einer zunehmend anonymen Gesellschaft, hört man immer wieder. „Guten Tag“ und „guten Weg“. Keine Frage, mit diesen vier Worten kommt Regina nicht aus, wenn sich die Nachbarschaft zum sommerlichen Grillfest oder zum traditionellen Tannenbaumsetzen vorm ersten Advent trifft. Was in Cloppenburg gerade ansteht? Welche Herbsttöne jetzt angesagt sind und warum „du dir unbedingt diese Buxe holen musst“? Wer sich von wem getrennt hat oder welches Geschäft wo neu eröffnet? Regina macht – so manch Cloppenburger weiß das – kein Geheimnis aus ihren Erkenntnissen, unterhält eine ganze Straße und macht Fremde zu Nachbarn, bevor sie sich abends doch noch eine Stunde für sich gönnt.

Wenn es die Tage in den Urlaub auf die Insel geht, quillt der Briefkasten in dieser Zeit gewiss nicht über. Regina hat einen Schlüssel. Auch keine Kübelpflanze wird sich ernsthaft sorgen müssen.

Ein Kollege, dessen Vierbeiner einst von bester Pflege profitieren durfte, hat auf dem Flur der Redaktion mal zu mir gesagt: „Solange wir Menschen wie Regina haben, kann uns nicht viel passieren.“ Er mag Recht gehabt haben.


Zur Person:

  • Heiko Bosse ist Mitglied der Chefredaktion der OM-Medien.
  • Den Autor erreichen Sie per E-Mail an: redaktion@om-medien.de.

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