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Jede Kerze eine Geschichte

Schwester Veronika aus dem Dinklager Kloster gestaltet bis zu 900 Kerzen im Jahr. Was sie tut, wenn ihr die Decke im Kloster auf den Kopf fällt, erzählt sie im Gespräch mit OM online.

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Jedes Stück ist ein Unikat: Schwester Veronika Scharnberg im Dinklager Kloster gestaltet kunstvolle Kerzen. Foto: Scholz

Jedes Stück ist ein Unikat: Schwester Veronika Scharnberg im Dinklager Kloster gestaltet kunstvolle Kerzen. Foto: Scholz

Die Abendsonne taucht das Kloster in Dinklage in ihr Licht und lässt die Silhouette im Burgraben spiegeln. Still und beschaulich. Da öffnet sich eine Tür. Die Dame, die sie geöffnet hat, ist Schwester Veronika Scharnberg. Sie nimmt den Besucher mit und lässt ihn einen Blick werfen hinter die Klostermauern – in die Kerzenwerkstatt des Klosters.

Die Werkstatt ist seit 18 Jahren der Arbeitsplatz von Schwester Veronika. Die 76-jährige Benediktinerin gestaltet dort mit ihrer Mitschwester Johanna mehr als 900 Kerzen im Jahr.

Osterkerzen, Taufkerzen, Weihnachtskerzen und ganz normale Kerzen reihen sich um den Arbeitstisch von Schwester Veronika. "Jede meiner Kerzen erzählt eine eigene Geschichte", sagt die Ordensfrau. Denn jede der Kerzen sei ein Unikat – in Handarbeit verziert. Die Kerzen-Rohlinge stellen die Benediktinerinnen in Dinklage indes nicht her. "Wir haben dafür hier nicht die Möglichkeiten und es würde sich finanziell auch nicht rechnen", erklärt Schwester Johanna. Ihre Aufgabe sei die Verzierung. 

Das Vorbild sei meist eine Geschichte aus der Bibel. "Ich arbeite vor allem mit Wachsplatten", erklärt Schwester Veronika. Natürlich könne man auch mit Farbe malen, so wie ihre Vorgängerin. Oder mit anderer Deko arbeiten, getrockneten Blumen etwa. Doch ihr gefalle Wachs auf Wachs am besten, sagt die 76-Jährige.

Die industriellen Wachsplatten bearbeite sie zunächst. "Ich walze und bügel die Platten, damit sie zum einen dünner werden, aber zum anderen auch ganz neue Farben entstehen können", erklärt die ausgebildete Grafikdesignerin.

Von Hochzeitskerzen bis hin zu Weihnachtskerzen mit einer Krippe gestalten die Nonnen im Dinklager Kloster jährlich bis zu 900 Stück. Foto: ScholzVon Hochzeitskerzen bis hin zu Weihnachtskerzen mit einer Krippe gestalten die Nonnen im Dinklager Kloster jährlich bis zu 900 Stück. Foto: Scholz

Und dann fängt sie mit der Arbeit an. "Am längsten dauert eigentlich immer der Entwurfsprozess. Ich bekomme einen Auftrag, zum Beispiel eine Taufkerze zu gestalten und überlege mir dann, wie ich die Botschaft bildlich darstellen kann", berichtet die 76-Jährige. Oftmals nehme sie sich dafür eine Bibelgeschichte zum Vorbild. 

Kerzenverkauf macht ein Drittel des Umsatzes aus

Die größte Herausforderung? Es ist nicht viel Platz auf einer Kerze, um eine Geschichte zu erzählen. Ist das Motiv gefunden und das Konzept klar, geht es mit einem umgebauten Fineliner und einem Küchenmesser dann an die Wachsplatten. Schnell entsteht ein Bild, welches Schwester Veronika mit viel Fingerspitzengefühl auf die Kerzen bringt. Nach knapp 2,5 Stunden ist ein normales Exemplar fertig. Und der Preis? 40 Euro für eine Taufkerze; bei einer Osterkerze können es 100 Euro werden.

Das sei für manchen viel Geld. Aber für Unikate doch angemessen. "Wenn wir merken, dass einer die Kerze nicht bezahlen kann, kommen wir demjenigen natürlich auch entgegen", sagt Schwester Veronika.

Die Kerzenwerkstatt sei dazu da, den Lebensunterhalt der Benediktinerinnen in Dinklage zu finanzieren. Knapp 30 Prozent des Jahresumsatzes im Kloster würde der Kerzenhandel im eigenen Klosterladen – aber auch nach Bestellung – ausmachen. 

"Ich selber mag ehrlich gesagt gar keine gestalteten Kerzen."Schwester Veronika, Benediktinerinnen Dinklage

Ob die Kerzenmacherin für sich ein Lieblingsmotiv hat? "Ich selber mag ehrlich gesagt gar keine gestalteten Kerzen",  gibt die 76-Jährige zu. Sie liebe Bienenwachskerzen. Ihre Arbeit mache sie natürlich trotzdem gern.

Schwester Veronika wollte mit 14 Jahren ins Kloster

"Schon mit 14 Jahren wollte ich ins Kloster. Doch meine Mutter wollte das nicht", erzählt die Ordensfrau dann. Gründe, ins Kloster zu gehen, hätte es einige gegeben. Probleme mit dem Vater zum Beispiel, der gerade aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt war. Mit der Kirche habe er nicht viel am Hut gehabt. Mit ihrer Mutter sei sie immer heimlich zur Messe gefahren und habe die Osterkerze bestaunt. 

Dann trennten sich die Eltern. Der Wunsch, das eigene Leben Gott zu weihen, wuchs. "Ich wollte mich mehr mit Gott auseinandersetzen", sagt Schwester Veronika. Bis ins Kloster war es dennoch ein weiter Weg. Zunächst studierte sie an der Kunsthochschule in Kiel Grafikdesign. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter kümmerte sie sich dann um ihre 5 Brüder.

24 Jahre war die heute 76-Jährige mit einem Musiker verheiratet. Sie bekam 2 Kinder, ist mittlerweile 5-fache Oma. 1999 entschied sie sich dann doch, den Traum aus Jugendtagen zu leben. Schwester Veronika trat in den Benediktinerinnenorden ein.

Und wie kam sie nach Dinklage? Sie habe die Lübecker Märtyrer bewundert; Geistliche, die sich während der Nazi-Zeit gegen das Regime und seine Praktiken aussprachen. Sie beriefen sich auf den Bischof Clemens August Graf von Galen aus Dinklage, dem "Löwen von Münster". Diesem Vorbild nach zog es sie deshalb nach Dinklage.

Das Klosterleben ist manchmal auch anstrengend

Ob sie die Entscheidung, ihr altes Leben hinter sich zu lassen, manchmal betreut. "Es ist manchmal schon anstrengend mit 22 Frauen hier im Kloster."  Und ja, es habe einige Situationen gegeben, wo sie ihre Koffer hätte packen wollen. Doch im entscheidenden Moment sei in ihr immer eine Stimme gewesen, die sie in ihrem ursprünglichen Entschluss bestätigt hätte. Und: Den Kontakt nach draußen habe sie auch nie verloren. 

Mit Glück übernehme ihre Mitschwester Johanna irgendwann mal die Kerzenwerkstatt, sagt Schwester Veronika  und lächelt zum Abschied. Und damit schließt sich das Tor zum Kloster wieder. Leise.

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