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Investieren Sie in unsere Stadt! Werden Sie AnliegerIn!

Kolumne: Das Leben als Ernstfall – Wer schon immer seine Moneten in Betongold investieren wollte, der freut sich über Straßenausbaubeiträge. Und die Abgabe hat weitere Vorteile.

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Der Lockdown ist großer Mist. Ok, wir genießen Homeoffice, digitale Bierproben, volle Supermärkte und mal mehr Zeit für die Beschulung der Kleinfamilie zu haben. Aber leider gibt es auch erhebliche Schattenseiten: Dadurch, dass wir alle zu Hause rumhocken, schonen wir den Ort, an dem wir uns am liebsten aufhalten: unsere Straßen. Denn die gehen normalerweise hin und wieder kaputt und müssen erneuert werden. Dann schlägt die Stunde der AnliegerInnen.

Es kommen die Bagger, die Teermaschinen, die Pflasterer – und am Ende sind Sie als AnwohnerIn um 50.000 Euro erleichtert. Anliegergebühren oder Straßenausbaubeiträge nennt sich diese heiße Form der Geldanlage. Wie, das ärgert Sie? Was wollen Sie denn sonst mit dem Zaster? Bei der Spasskasse gibt’s darauf noch Strafzinsen, an der Börse verspekulieren Sie sich, und der Bitcoin ist auch nicht mehr das, was er mal war. Keine guten Anlageformen für AnliegerInnen.

"Profis wie Pandemie-Papst Karl Lauterbach bezeichnen sowas als Win-win-Situation."Stefan Freiwald

Also, seien Sie froh, wenn Sie Ihre sauer verdienten Moneten in Betongold anlegen dürfen! Das ist gewinnbringend, weil Ihr SUV auf einer glatten Straße schneller fahren kann (langsames Fahren ist ja Gift für jedes moderne Auto und außerdem: Zeit ist Geld). Ihr Wagen wird weit weniger beansprucht, und damit kann die nächste Reparatur gut und gerne 2 Monate nach hinten geschoben werden. Es bringt auch nachhaltig Rendite, weil alle EinwohnerInnen Ihrer Stadt, einschließlich derer Fahrzeug, etwas davon haben. Sie leisten als AnliegerIn einen wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft.

Im besten Fall profitiert auch die Natur, wenn 30 Jahre alte, von Abgasen kranke Bäume, deren Wurzeln die Teerdecke und das Pflaster nach oben gedrückt haben, durch kleine, noch gesunde und unauffällige Bäumchen ersetzt werden. Die werfen nicht so viel Laub auf die Straße. Das schont die Umwelt, denn die Bauhof-Mitarbeitenden können die großen Laubbläser steckenlassen, machen also weniger Lärm und Gestank und verbrauchen weniger Sprit. Auch die AnwohnerInnen müssen kein lästiges Laub mehr aus ihren Kiesbeeten pusten, soweit die Blätter überhaupt eine Chance haben, über die Mauern und Zäune aus dunkelgrauem Verbundplastik aufs Grundstück zu wehen.

Profis wie Pandemie-Papst Karl Lauterbach bezeichnen sowas als Win-win-Situation. Deswegen ist es auch wichtig, dass in Zukunft neue Baugebiete aus dem Boden gestampft werden. Denn die Baustraßen von heute bringen die Anliegergebühren von morgen.

"Basisdemokratie ist immer gut. Vielleicht ließe sich das gleich mit einer Befragung verbinden, wer für die Abschaffung von Corona ist."Stefan Freiwald

Können Sie also verstehen, warum die SPD in Vechta seit mehr als 3 Jahren diese für uns BürgerInnen so lukrative Geldanlage abschaffen will? Dafür gibt es keinen einzigen plausiblen Grund.

Die CDU sieht das zum Glück – teilweise, in Ansätzen, punktuell – aber immerhin genauso. Um sich des Rückhalts der AnlegerInnen – äh AnliegerInnen – gewiss zu sein, plädiert sie jetzt für ein stadtweites Referendum zum Thema. Basisdemokratie ist immer gut. Vielleicht ließe sich das gleich mit einer Befragung verbinden, wer für die Abschaffung von Corona ist.

Während die zweite Frage noch eine gewisse Spannung in sich trägt, ist erste doch schon beantwortet, oder liebe CDU!? Glauben Sie ernsthaft, dass es nur eine vernünftige Bürgerin oder einen halbwegs gescheiten Bürger gibt, der oder die für die Abschaffung der Straßen-Aktien ist?

Denken Sie doch nur einmal an die Folgen: Die Stadt muss sämtliche Steuern um 400 Prozent erhöhen, auf Spielplätzen Eintritt erheben oder würde einfach aufhören, Straßen, Fahrradampeln und Fußwege zu bauen. Die VechtaerInnen, besonders die KleinsparerInnen, wären um eine lukrative Investitionsmöglichkeit beraubt. Erklären Sie das mal einer Großmutter, die ihr Leben lang Geld für so eine schöne Anlageform unters Kopfkissen gelegt hat!


Zur Person:

  • Stefan Freiwald (47) hat ein Büro für Journalismus, PR und Marketing in Vechta.
  • Er lebt mit seiner Familie in Oythe.

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