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Informiert und müde

Kolumne: Die Generation Z zeigt's Ihnen – Die sozialen Medien bieten einen Einblick in die emotionale Welt von Millionen von Menschen. Das stumpft einen mit der Zeit ab.

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Wie haben sie sich wohl gefühlt? Jedes Mal, wenn ich eine Geschichte höre, stelle ich mir diese Frage. Die Menschen in den Geschichtsbüchern, wie müssen die sich wohl gefühlt haben? 13 Jahre habe ich im deutschen Schulsystem verbracht, 19 Jahre auf dieser Erde und jeden Tag höre ich so viele Geschichten, dass es schwer wird, sie einzuordnen. Und Smartphones helfen da nicht. Es reicht ja, nur fünf Minuten auf Instagram zu verbringen. Die App bietet ein Sammelsurium an Kurzgeschichten – praktisch Emotionen im Schnelldurchlauf. Ich öffne die App und sehe sofort zwei Videos. Eine Person kommt aus der Quarantäne und sieht ihr Kind wieder, die Musik wird lauter, alle weinen. Auch mir kommen die Tränen – das ist ja nur natürlich. Ich scrolle weiter, die Frau und ihr Kind schon vergessen. Eine Pflegekraft bricht in Tränen aus. Nach zwei Jahren Überbeanspruchung ist sie am Ende. Mir kommen schon wieder die Tränen – aus einem ganz anderen Grund.

Aber zum Traurigsein bin ich ja eigentlich gar nicht hier. Social Media soll schließlich Spaß machen. Ein Like lasse ich der guten Dame natürlich da. Aus Pflichtbewusstheit blicke ich in die Kommentare. Das breche ich aber schnell ab – das ganze Thema zieht einen ganz schön runter. Und geliked habe ich ja schon, meine Pflicht ist eigentlich getan. Also weiter geht's.

"Mein Gehirn wird mit Informationen und Erfahrungen gefüllt bis zum Überlaufen, meine Dopamin-Rezeptoren laufen heiß – und ich? Ich bin einfach nur überfordert."Ella Wenzel

Ich scrolle und scrolle und scrolle. Und jeder Post reißt mich in emotionale Welten, die Lichtjahre voneinander entfernt sind. Mein Gehirn wird mit Informationen und Erfahrungen gefüllt bis zum Überlaufen, meine Dopamin-Rezeptoren laufen heiß – und ich? Ich bin einfach nur überfordert.

Als ehemaliges Handykind und jetziger Digital Native mache ich dieses ganze Spiel seit über einem Jahrzehnt und ich muss sagen: Ich bin einfach nur müde. Besonders jetzt, wo ich mitten in einem Geschichtsbuch lebe. Überschrift: "Die Corona-Pandemie". Für mich ist es keine Frage, dass die jetzige Zeit einschneidend in jedem Bereich nachwirken wird – mal abgesehen von den derzeitigen drastischen und teils fatalen Auswirkungen. Ich weiß, welches Leid herrscht und ich weiß genauso, welche Nächstenliebe die Menschen bewegt, wenn sie einander in dieser Zeit beistehen und immer wieder Hilfe leisten, ohne einen Ausgleich zu erwarten. Doch sehe ich dazu einen Post, kommen mir keine Tränen mehr. Jahre im Internet haben mich so abgestumpft, dass ich Geschichten zwar wahrnehme, aber nicht mehr wirklich verarbeite. Ob die Menschen in Geschichtsbüchern Ähnliches kennen?


Zur Person:

OM-hilft -  Helfen Sie mit! Das Oldenburger Münsterland hilft den Geflüchteten aus der Ukraine. Hilfsinitiativen, Wohlfahrtsorganisationen und viele mittelständische Unternehmen sind bereits dabei, die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Und auch Sie können sich beteiligen. Wie und Wo? Das sagt Ihnen  die Webseite om- hilft.org

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