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In die "Urkatastrophe" ging es hoch zu Ross

Einige Soldaten aus Emstek erlebten den Ersten Weltkrieg noch als Reiter. Viele Kavalleristen fanden sich später in Schützengräben wieder.

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Die Dragoner hoch zu Ross: So stellte man sich den Einsatz der Kavallerie vor – später fanden sich viele Kavalleristen in den Schützengräben wieder.   Foto: Württembergische Landesbibliothek/BfZ

Die Dragoner hoch zu Ross: So stellte man sich den Einsatz der Kavallerie vor – später fanden sich viele Kavalleristen in den Schützengräben wieder.  Foto: Württembergische Landesbibliothek/BfZ

Die meisten Soldaten aus dem Kreis Cloppenburg dienten während des Ersten Weltkriegs in Infanterieregimentern. Schließlich war die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ über weite Strecken durch einen mörderischen Stellungskrieg geprägt, in dem Fußsoldaten einen Großteil der Zeit im Schützengraben ausharrten, um dem gegnerischen Feuer zu entgehen.

Gern übersehen wird, dass in diesem Konflikt auch noch Kavallerieeinheiten eingesetzt wurden. Zwar führte die vergrößerte Feuerkraft der Infanterie im 19. Jahrhundert dazu, dass berittene Einheiten mehr und mehr an Bedeutung verloren. Dennoch erhöhte sich die Zahl der Kavallerieregimenter in den europäischen Armeen kontinuierlich. So mobilisierte die deutsche Armee 1914 mehr als 100 aktive Kavallerieregimenter von je 700 Mann sowie 36 Reserve-Regimenter. Auch das Land Oldenburg stellte 1914 ein aktives Kavallerieregiment. Gegründet 1849, war das in Oldenburg-Osternburg stationierte Oldenburgische Dragoner-Regiment Nr. 19 seit 1867 Teil der preußischen Armee. Es unterteilte sich in fünf Eskadronen, die im Krieg zum Teil auch getrennt voneinander eingesetzt wurden.

Wie dem Gedenkbuch „Die Gemeinde Emsteck und der Weltkrieg“ zu entnehmen ist, dienten in diesem traditionsreichen Kavallerieregiment auch Soldaten aus dem Oldenburger Münsterland. Heinrich Grafe, geboren 1889 in Tenstedt (Cappeln), wurde bereits am 2. August 1914 eingezogen. Mit der 2. Eskadron des Oldenburgischen Dragoner-Regiments Nr. 19 nahm er am Vormarsch durch Belgien und Frankreich teil. Nach einer Zwischenstation an der Ostfront ist er im späteren Verlauf des Krieges erneut an der Westfront eingesetzt.

Abenteuerlicher Rücktransport bei 27 Grad Minus

Ganz ähnlich gestaltete sich der Kriegseinsatz des 1896 in Emstek geborenen Franz Hoffhaus. Auch er wurde bereits 1914 mobilisiert und am 27. Oktober 1915 zur 5. Eskadron überstellt. In dieser Einheit erlebte er die 1915 an der Ostfront stattfindenden Kämpfe mit, die zur Eroberung Russisch-Polens und Litauens führten.

Wie Grafe kämpfte er in den Prypjatsümpfen im heutigen Weißrussland, die ein wichtiges geographisches Hindernis an der Ostfront darstellen. Im April 1918 wurdeer schließlich an die Westfront versetzt, wo er bis Kriegsende blieb.

Auch seinen 1892 geborenen Bruder August verschlug es mit den Oldenburgischen Dragonern in die Prypjatsümpfe. Er kam allerdings erst am 25. Mai 1917 zur 4. Eskadron. Diese Einheit blieb auch nach dem Waffenstillstand mit Sowjet-Russland an der Ostfront und kehrte erst nach Kriegsende in die Heimat zurück. So wurde Hoffhaus am 31. Januar 1919 entlassen, nachdem er 1918 noch an der Besetzung der Ukraine und Auseinandersetzungen mit bolschewistischen Truppen beteiligt war. Der Rücktransport seiner Eskadron gestaltete sich abenteuerlich: Bei bis zu minus 27 Grad waren 700 Kilometer in Viehwaggons durch Gegenden zurückzulegen, die größtenteils von der Roten Armee kontrolliert wurden.

Einsatzgebiet war vor allem die Ostfront

In der Regimentsgeschichte aus dem Jahr 1937 erfährt der Leser, warum die Dragoner den Großteil des Krieges an der Ostfront verbrachten. Hier heißt es im damaligen Wortlaut:„Das Lebenselement der Reiterei ist die Bewegungsmöglichkeit im weiten Raum, freie Bahn nach vorn und Ellbogenfreiheit nach den Seiten. Wird ihr diese Lebensbedingung genommen, so hat sie als berittene Waffe ausgespielt.

Diese Tatsache war es, die die Oberste Heeresleitung auf ihre Verwendung auf dem westlichen Kriegsschauplatz verzichten und sie nach dem östlichen entsenden ließ. Dort, in den unendlichen Räumen des weiten Rußland, wartete ihrer ein reiches Feld einer ihrem Wesen entsprechenden Betätigung. […] Gen Ostland woll‘n wir reiten.“

Bei Kriegsbeginn 1914 gingen die meisten Heerführer noch davon aus, dass die Kavallerie weiterhin schlachtentscheidende Angriffe durchführen könne. Angesichts der verheerenden Wirkung des Maschinengewehrs wurden die berittenen Truppen jedoch zunehmend für andere Aufgaben eingesetzt. An der Ostfront konnte dies sehr unterschiedliche Formen annehmen. Zum Teil waren die Dragoner gezwungen, abzusitzen, um sich in Schützengräben zu begeben, da es auch im Osten mehrfach zum Stellungskrieg kam. Die Dragoner wurden für diese Art der Kriegsführung sogar mit einer eigenen Maschinengewehr-Einheit ausgestattet. Die feindlichen Stellungen waren hier jedoch weiter entfernt als an der Westfront, was das Leben im Graben wesentlich entspannte, wie ein Zeitzeuge berichtet: „Ich hatte mir vorgestellt, wie man schleichend oder gar kriechend bis zu den Laufgräben kommt, und bin nun erstaunt, daß man fast direkt vor die Gräben reiten kann.“

Bevölkerung wurde geimpft

Ansonsten führten die Dragoner Aufklärungs- und Patrouillenritte durch oder wurden für „Polizeidienste“ eingesetzt, wie es in der Regimentsgeschichte heißt: Die 2. Eskadron „stellt die vorhandenen Vorräte fest, überwachte sie, trieb Lebensmittel und Vieh bei, sorgte für die Gangbarkeit der Straßen, richtete Köhlereien ein und leitete Ersatztransporte.“

Auch wurde die Bevölkerung geimpft, allerdings zum Teil gegen ihren Willen, wie ein Augenzeuge freimütig berichtet: „Es erfordert oft große Anstrengung, die kreischenden Weiber zur Ruhe zu bringen.“ Außerdem wurden die Landeseinwohner„gehörig zur Arbeit herangezogen“, oder mit anderen Worten: Sie wurden gezwungen, Zwangsarbeit zu leisten. Die einheimische Bevölkerung hat sich wahrscheinlich entsprechend wenig gefreut, wenn sich Oldenburgische Dragoner näherten.

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