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In der Stamkneipe der Fußballfans

Kolumne: Das Leben als Ernstfall – Die 3. Halbzeit können viele Fans aktuell nicht erleben. Darum träume ich mich einfach mal an einen imaginären Ort jenseits der Corona-Pandemie

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Wie gerne würde ich mal wieder ein Fußball-Bundesligaspiel live im (Weser-)Stadion sehen. Auch die für viele Besucher wichtige(re) 3. Halbzeit, das gemeinsame Fachsimpeln nach Abpfiff beim Kühlen Blonden in der Pinte um die Ecke, muss Corona bedingt schon lange ausfallen. Was also tun? Sich immer nur mit Sky-Konferenz oder Sportschau begnügen? Da spiele ich lieber Doppelpass mit der Phantasie, schlüpfe in meine alte Rolle als Sportreporter und berichte von einem imaginären Ort jenseits aller Pandemien:

„’N Abend allerseits. Mein Name ist Veit Club und ich melde mich live aus der Stamkneipe in Seedorf, einer Zufluchtstätte für Fußballfans aller Vereinsfarben. Gastgeber Jaap ist Niederländer, genau wie sein Koch und die bebrillte Bedienung, Edgar aus dem Hause Davids. Doch das tut der Stimmung auf den Sitzen keinen Abbruch. Aus der Musikbox erklingen Schlager, hin und wieder dröhnt der Hradecky-Marsch. Die einzige a-ha-Regel, die hier gilt, lautet: Alle zwei Stunden läuft "Take On Me".

Am Tisch neben dem Eingang prosten sich einige Schalke-Fans zu. Die 04-Promille-Grenze haben alle längst überschritten. Man versucht, sich die Tabelle schön zu saufen. Einer der Knappen hat einen Klos im Hals, berichtet nur zögerlich von einem persönlichen Schicksalsschlag. Er ist kürzlich aus dem Töpferkurs geflogen. Er hatte sich im Thon vergriffen. „Durm gelaufen“, drückt die Runde ihr Bedauern aus. Auch Oma Mascarell redet ihrem Enkel gut zu. „Kamada nichts machen? Wirf dein Leben nicht weg, Horst. Schöpf neuen Mut!“

Nicht nur Dortmund-Fans sind in der Kneipe

Ins BVB-Lager am Nachbartisch, in dem ebenfalls alle mächtig Brandt haben und ein Feinbier nach dem anderen zischen, hat sich Jochen geschmuggelt. "Zum Glück bin ich aus dem Schneider", denkt er mit Blick aufs königsblaue Trauerspiel nebenan. Doch auch in Gelb-Schwarz ist nicht alles eitel Sommer-Sonnenschein. Einer der Jungs erzählt, wie er seinen Knochejob im Pott aufgab, um sich als Friseur in Düsseldorf selbstständig zu machen. Der Name seines Ladens – "Haaland" – klang vielversprechend. Leider blieb die Kundschaft aus. "Bereus du deinen Schritt?", fragt ihn ein Freund. Ehe der verhinderte Coiffeur antworten kann, tritt ein indischer Blumenverkäufer an den Tisch: "Wolle Rose kaufen?"

Eine Bananenflanke weiter sitzt die HSV-Fraktion beisammen. "Hopfen und Kaltz, Gott erhalt’s", grölen die bierseligen Gesellen im Kohr. Bestellung um Bestellung wird aufgegeben, die Bedienung mit "Füll Krug! Füll Krug!"-Kommandos auf Trapp gehalten. Immerhin: Einer von ihnen, das einstige Fußballtalent Max Meyer mit Vollbart, bleibt abstinent. Er ordert nur tschechische Joghurtdrinks, Gebre Se-Lassis. Mit Sané. Und Müllermilch. Weiser Mann. Doch umso mehr dreht er auf, als er gegenüber seinen Kumpels protzt: "Ich thioune mein Auto!".

"'Kahnst du mal die Klappe halten?', stoßen Timo und Werner ins gleiche Horn."Florian Ferber, Redaktuer OV

Einen kleinen Tumult gibt es derweil am Tresen. Stein des Anstoßes ist nicht etwa das Tête–Arteta von Her Nandez mit einem Klostermann. Auch ein Neuer auf dem Barhocker, der Messi, wird trotz Flekken in der Hose geduldet. Ursache ist vielmehr ein Basler. Das Schweizer Großmaul hat wohl ein paar Baileys zu viel intus und prahlt nicht nur damit, einen Hahn, einen Wolf und einen Löw in freier Wildbahn in Alabama geschossen zu haben. Nein, angeblich hat der Hitzkopf an einem Tag auch den Effenberg, Forsberg und Halstenberg bestiegen. "Kahnst du mal die Klappe halten?", stoßen Timo und Werner ins gleiche Horn.

Zum Schluss ein Blick auf den Katzentisch. Dort sitzen ein Anhänger des 1. FC Köln und des FC Augsburg bei einem Trinkspiel zusammen. Das Ewendt wäre einen Oscar wert. Beide versuchen, besoffen einen Spielernamen aus der Mannschaft des anderen zu buchstabieren – rückwärts. Kein leichtes Unterfangen bei Rexhbecaj und Gouweleeuw. Wir wünschen aber viel Spaß, verabschieden uns und zücken den Regenschirm. Es gisdol draußen.“


Zur Person:

  • Florian Ferber ist Redakteur von OM-Medien.
  • Den Autor erreichen Sie unter redaktion@om-medien.de

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