Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

In der Schweiz gehen die Uhren langsamer – ein Segen!

Kolumne: Das Leben als Ernstfall – Es gibt vielerlei technische Helferlein, die uns den Alltag erleichtern. Sobald aber meine elektrische Zahnbürste ein Software-Update einfordert, hört der Spaß auf.

Artikel teilen:

„Sonst haben wir aber keine Sorgen..?!“, denke ich bei mir, während ich mit höflicher Miene dem Verkäufer im Elektro-Fachmarkt lausche, der mir just das große Plus dieser elektrischen Zahnbürste näherbringt: Ich kann sie via Bluetooth mit meinem Smartphone koppeln, das mir dann über eine zugehörige App eine Statistik meiner Putzroutine erstellt. „Das ist natürlich nicht schlecht!“, bedanke ich mich für die kompetente Beratung, und sitze eine Minute später wieder im Auto – ohne neue Zahnbürste.

Man möchte sich fragen, ob der Mensch in seinem Faust’schen Forscherdrang noch wahrnimmt, wo das Grenzgebiet des Nützlichen ausläuft und er die Schwelle hinein ins Königreich Mumpitz überschreitet. Und ich stelle die Frage: Muss man eigentlich all das mitmachen und partout auf jede Sau aufspringen, die uns die Industrie durch die Dörfer treibt? Ich persönlich sage: nein, ganz sicher nicht.

"Ich möchte bezweifeln, dass meine Großeltern seinerzeit in ihrem W123 Weltbewegendes verpasst haben."Heiko Bosse

Keine Frage, dass so ein Smartphone eine tolle Erfindung ist. Aber ich muss mein Handy nicht bis ins 12. Untermenü mit dem Auto verbinden, um während der Fahrt Textnachrichten lesen zu können. Ich möchte bezweifeln, dass meine Großeltern seinerzeit in ihrem W123 auf der Fahrt zum Spaziergang am Zwischenahner Meer Weltbewegendes verpasst haben.

Überall sieht man Menschen, die gehetzt Notizen in ihr Smartphone diktieren oder mit einem Plastikstift hektisch auf ihren Displays herumkritzeln. Wissen Sie, was ich benutze, wenn ich Notizen mache? Einen Füllfederhalter. Die Feder erlaubt kein Gekritzel und mahnt zur ruhigen Hand. Und ließe ich mich der Zeit berauben, noch eine handschriftliche Notiz zu schreiben, würde ich mir die Frage stellen, ob ich im Leben an irgendeiner Stelle falsch abgebogen sein könnte.

Welchen Gewinn uns der technische Fortschritt bringt, zeigt sich auch, wenn wir in unseren modernen Autos Platz nehmen. Früher habe ich nach einem Rädchen in der Mittelkonsole gegriffen und die Temperatur von 21 auf 22 Grad erhöht. Verfolge ich heute diesen kühnen Klimatisierungsplan, tippe ich mich via Touchscreen durch 2 Untermenüs und schiebe auf holpriger Strecke einen virtuellen Regler „irgendwie nach oben“ – man könnte auch am Glücksrad drehen.

Die Tage berichtete mir eine Bekannte, sie müsse heute nur noch 800 Schritte gehen, um ihren Fitnessring auf der Smartwatch zu komplettieren. Nennen Sie es konservativ, aber ich für meinen Teil gehe 800 Schritte, weil mir der Bäcker den Kuchen nicht nach Hause bringt, aber sicher nicht, weil eine digitale Armbanduhr mir ermahnend aufs Handgelenk klopft. Ich brauche auch keine Uhr, die meinen Schlafrhythmus überwacht. Ich gehe ins Bett, wenn ich müde bin – und stehe auf, wenn mein Körper mir verklickert, dass wir zwei wohl mal wieder durchstarten könnten.

Ich möchte am Handgelenk keinen Computerchip aus Kalifornien. An meinem Arm werkeln Zeiger, Federn und Zahnrädchen, die 1961 in der Schweiz zusammengesetzt wurden und seitdem treu ihren Dienst verrichten. Eine Parallele immerhin gibt es: Wenn ich den Arm nicht ausreichend bewege, bleibt das Uhrwerk irgendwann stehen – auch eine Art Fitnessring, aber herrlich oldschool.


Zur Person:

  • Heiko Bosse ist Mitglied der Chefredaktion der OM-Medien.
  • Den Autor erreichen Sie per Mail an: redaktion@om-medien.de.

OM-hilft -  Helfen Sie mit! Das Oldenburger Münsterland hilft den Geflüchteten aus der Ukraine. Hilfsinitiativen, Wohlfahrtsorganisationen und viele mittelständische Unternehmen sind bereits dabei, die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Und auch Sie können sich beteiligen. Wie und Wo? Das sagt Ihnen  die Webseite om- hilft.org

Das könnte Sie auch interessieren

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

In der Schweiz gehen die Uhren langsamer – ein Segen! - OM online