Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Im besten Bölleralter

Kolumne: Notizen vom Nachbarn – Das Knallen von Feuerwerkskörpern an Silvester hat eine lange Tradition in unserer Familie. 2022 nun der Stopp. Doch für meine Enkel ist gewiss noch Zeit.

Artikel teilen:

Wo gibt es denn noch was zu knallen? Spätestens am Silvestermorgen rannte ich noch vor einigen Jahren für den lieben Nachwuchs auf den letzten Drücker nach Feierabend durch die Läden, Reste von Böllern aufkaufen und wehe, es war zu wenig. Meine Brüder und ich waren da früher genauso, nur dass unser Vater sehr zögerlich die D-Mark-Stücke aus dem Portemonnaie rausrückte und wir selber in den Eisenwarenladen von Hoffhaus Paul um die Ecke liefen, denn an eine Altersbeschränkung für Böller kann ich mich wirklich nicht erinnern.

Unser Vater jagte die Raketen dann abends sorgsam auf dem Marktplatz in die Luft, ordentlich in Flaschen aufgereiht. Bis zu dem Silvesterabend, als sich eine Rakete plötzlich statt in den Himmel beim Nachbargeschäft unter den Dachvorsprung verirrte und wir uns alle in Panik Ohren und Augen zuhielten.

Selbst heute mit seinen 90 Jahren brauchen wir bei Opa nur das Wort Rakete erwähnen und er zeigt sofort hellwach auf das noch stehende Nachbarhaus. Der Irrläufer sank damals nach fünf bangen Minuten verglüht zu Boden. Danach fiel die Knallerei zuhause deutlich kleiner aus und wir mussten uns nach ein paar Sicherheitsböllern ins Haus verziehen. Guckten mit den Eltern ganz oben aus dem Fenster und hörten Sätze von meinem Vater "Daor achtern wett richtig knallt. Dei hebbt woll masse Geld."

"Alle aus der Nachbarschaft, die eine Zigarette hatten, waren für eine Nacht die Helden, konnten sie doch lässig mit dem Glimmstängel die Raketen anzünden."Antonius Schröer

Jetzt in diesen Jahren sind meine eigenen Sprösslinge groß, das Mitbringen von Böllern nach Feierabend vorbei. Kein Spielen von zig Runden Memory, Monopoly oder Scrabble mehr bis zum sehnlichst erwarteten 0-Uhr-Glockenschlag. Denn dann ging es immer mit der Kinderschar raus, egal ob tiefste Kälte, Sturm, Regen oder Schnee. Alle aus der Nachbarschaft, die eine Zigarette hatten, waren für eine Nacht die Helden, konnten sie doch lässig mit dem Glimmstängel die Raketen anzünden, während mein Daumen vom Feuerzeugdrehen schon ganz wund und schwarz war.

Wir haben alle überlebt, kein Kind musste mit einem Finger weniger in die Notaufnahme und nach zwei Stunden echt harter Arbeit kamen auch die Hunde und Katzen vorsichtig wieder aus ihren Verstecken. Jetzt ist alles anders, die Kinder groß und böllern irgendwo alleine. Oma und Opa gucken aus ihren großen Sesseln aus dem Fenster in den Himmel und diskutieren, wo denn jetzt die vermögendsten Böllerer des Ortes wohnen.

Meine eigenen Enkelkinder zum Behüten und gemeinsamen Böllern lassen noch auf sich warten. In diesem Jahr könnte ich entspannt nach Jahrzehnten härtestem Böllerjob zuprostend in den leuchtenden Himmel schauen und alle anderen knallen lassen, wenn, ja wenn Corona nicht wäre – schade. Dann eben auf ein Neues in 2023 oder wie Oma, Opa und die Tante sagen: "Glücksägens Neijaohr, sünd dei Kauken all gor?"


Zur Person:

  • Der Autor Antonius Schröer führt mehrere Modehäuser.
  • Der 59-Jährige verkörpert das Vechtaer Original "Straßenfeger" im Karneval.
  • Kontakt: redaktion@om-medien.de.

OM-hilft -  Helfen Sie mit! Das Oldenburger Münsterland hilft den Geflüchteten aus der Ukraine. Hilfsinitiativen, Wohlfahrtsorganisationen und viele mittelständische Unternehmen sind bereits dabei, die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Und auch Sie können sich beteiligen. Wie und Wo? Das sagt Ihnen  die Webseite om- hilft.org

Das könnte Sie auch interessieren

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Im besten Bölleralter - OM online