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"Ich werde nie mehr in Deutschland als Anhalter unterwegs sein"

Kolumne: Recht hat, wer Recht bekommt – in diesem Fall allerdings glaubten Staatsanwalt und Richter der Verteidigungsrede des Angeklagten nicht.

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Schöffengerichtsverhandlung bei offenen Fenstern in der Corona-Zeit, trotzdem eine gute Geschichte für den Gerichtsreporter mit einem abschließenden Fazit des verurteilten Angeklagten: „Ich werde nie mehr in Deutschland als Anhalter unterwegs sein.“

Wie immer der Reihe nach: Am Abend des 7. April 2019 wird beim Autohaus Menke in Lohne eine nigelnagelneue, noch nicht zugelassene Sattelzugmaschine im Wert von 100.000 Euro gestohlen. Gleich danach klaut jemand bei Road Sound in Lohne einen Sattelauflieger im Wert von 18.000 Euro. Beide Fahrzeuge werden am 10. April auf der Autobahn A2 in Königslutter mit litauischen Kennzeichen auf dem Seitenstreifen ohne Sprit gefunden. Ohne Sprit, da man in Osnabrück falsches Benzin in den falschen Behälter getankt hatte.

Spezialisten stellten trotzdem fest – hochprofessionell: Schloss geknackt, Technik überbrückt. Hier waren Profis am Werk. Für die Polizei begann ein langer und komplizierter Weg. Videos und Kassenzettel von Tankstellen, Rastplätzen, Finger- und DNA- Spuren und deren Abgleich. Gefälschte Kennzeichen, Dubletten, auch von deutschen Kennzeichen. Für die Ermittler gab es zunächst keine Hinweise auf die Täter, trotz der Spuren. Fündig wurde man erst in Litauen. Dort gab es einen 31-Jährigen, zu dem die Spuren passten. Der Mann wurde im Juli 2020 in Großbritannien festgenommen, im August nach Deutschland ausgeliefert und in Osnabrück per Haftbefehl in Untersuchungshaft genommen. In England war er mit Fußfesseln noch einer Arbeit nachgegangen.

"Für die Ermittler gab es zunächst keine Hinweise auf die Täter, trotz der Spuren. Fündig wurde man erst in Litauen."Klaus Esslinger

Jetzt stand er in Vechta vor Gericht und hatte eine kurze, aber wenig glaubwürdige Geschichte zu erzählen. Er habe immer gearbeitet in Belgien, in England und zu der genannten Zeit habe er sich Arbeit bei Berlin gesucht, nicht gefunden und sei per Anhalter mit verschiedenen Lastwagen Richtung Litauen gefahren. Lohne, Osnabrück und Königslutter waren die falsche Richtung, aber das wusste er angeblich nicht. Es könne sein, dass er in Raststätten auf Videos zu sehen sei. Es könne auch sein, dass er in den verschiedenen Lastwagen Kennzeichen angefasst habe. Es sei aber nichts Wichtiges passiert und genau könne er sich nicht erinnern. Er sei damals per Anhalter gefahren und immer irgendwie mitgenommen worden.

Eine völlig lebensfremde Erklärung, wie der Staatsanwalt feststellte. Es deute aber alles darauf hin, dass der Angeklagte an einem professionell durchgeführten Diebstahl beteiligt gewesen sei. Warum sollte man Kennzeichen und anderes Material unter der Matratze im Führerhaus verstecken, sich spezielles Werkzeug anschaffen, um die Technik zu manipulieren. Der Vertreter der Anklage forderte eine Freiheitsstrafe von 2 Jahren und 6 Monaten sowie die Aufrechterhaltung des Haftbefehls. Der Osnabrücker Verteidiger sah Zweifel.  Der Angeklagte habe doch erklärt, dass er einiges angefasst  und Fingerabdrücke hinterlassen habe. Auch habe er erklärt, dass der Mann auf den Videos fast so aussehe wie er. Das aber reiche nicht für eine Verurteilung. Daher fordere er einen Freispruch.

Das Gericht kam im Urteil auf 2 Jahre und 3 Monate und hielt den Haftbefehl aufrecht. Es sei eine völlig unglaubwürdige Aussage des Angeklagten gewesen. Wer in ein Land einreise, wertvolle Fahrzeuge manipuliere und stehle, um sie im Ausland wieder verkaufen zu wollen, könne nicht mit einer Bewährung rechnen. Das Gericht teilte jedoch auch mit, dass die „lange Corona-Untersuchungshaft“ auf die zu verbüßende Strafe angerechnet werde.


Zur Person:

  • Klaus Esslinger ist Gerichtsreporter und war viele Jahre Lokalchef der Oldenburgischen Volkszeitung.

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