Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Ich schäme mich

Kolumne: Auf ein Wort – Das Thema Missbrauch in der Kirche weckt starke Gefühle, unter anderem Scham. Das  Gefühl hat christliche Wurzeln, die nicht herausgerissen werden sollten.

Artikel teilen:

„Ich schäme mich.“ So fassen viele katholische Christen ihre momentanen Gefühle zusammen. „Ich schäme mich für diese Kirche.“ Die Kirche ist für die meisten von uns ein Reizthema, das starke Gefühle weckt: Wut, Ohnmacht, Frustration und tiefe Verletzung.

Viele fragen sich beim Thema Missbrauch: Was haben Würdenträger in der Kirche eigentlich für die Opfer sexueller Gewalt getan? Haben oberste Entscheidungsträger ihr eigenes Versagen verdrängt? Das führt bei sehr vielen jetzt dazu, dass sie die Kirche verlassen.

Ich kann diese starken Gefühle nachvollziehen. Aber ich finde auch: Wir brauchen nicht weniger Christentum, sondern mehr. „Ich schäme mich.“ Mit den Gefühlen hat sich besonders Max Scheler intensiv auseinandergesetzt. Das war vor etwa 100 Jahren. Damals war das Thema in der modernen Philosophie und Psychologie noch neu. Scheler unterscheidet die verschiedenen Affekte und Gefühle sehr genau. Dazu gehören auch Scham und Reue.

"Das Christentum hat gefühlsbildend gewirkt. Es ist eine Schule der Emotionen."Marc Röbel

Ein Mensch, der sich für seine Taten schämt, spürt nach Scheler das Erschrecken: „Dass ich so sein konnte!“ Aber es steckt auch ein positiver Impuls darin: „Ich kann auch anders!“

Heute ist es selbstverständlich: Wer einfach an einem Unfallopfer vorbeifährt, ohne zu helfen, wird wegen unterlassener Hilfeleistung bestraft. Im Hintergrund steht die biblische Erzählung vom barmherzigen Samariter und die christliche Überzeugung: Auch Fremden muss man in der Not helfen. Das Christentum hat gefühlsbildend gewirkt. Es ist eine Schule der Emotionen. Darum ist es gerade heute nicht angesagt, die Kirche und das Christentum zu entsorgen.

Eine große christliche Volkspartei diskutiert gerade darüber, ob sie nicht besser das „C“ aus ihrem Namen streichen sollte. Besser wäre es, wir würden uns gemeinsam als Gesellschaft, als Kirche, aber auch ganz persönlich an unseren eigentlichen C-Kern erinnern: Der tiefste Maßstab für unsere kollektive Scham und Empörung liegt doch im Evangelium selbst.

„Haben oberste Entscheidungsträger ihr eigenes Versagen verdrängt?“Marc Röbel

Das zeigt besonders die Missbrauchskrise: Kirchliche Würdenträger haben sich würdelos verhalten und versagt. Aber dieses Versagen kommt nicht daher, dass sie Christen waren. Sie waren zu wenig christlich. Unsere Scham zeigt: Christentum geht anders. In vielen katholischen Gemeinden wurde in diesen Tagen der Blasius-Segen erteilt. Eine Legende erzählt: Ein Kind hat eine Fischgräte verschluckt. Bischof Blasius rettet es vor dem Ersticken und macht damit deutlich: Der Gott Jesu Christi steht auf der Seite der Kinder und der Kleinen. Sie haben in seinen Augen eine unbedingte Würde, die niemand verletzten darf.

Verständlicherweise schämen sich viele heute für ihre Kirche. Das geht mir auch so. Aber mein Schamgefühl selbst hat christliche Wurzeln. Die sollten wir nicht herausreißen. Wir sollten diese Wurzeln behutsam pflegen.


Zur Person:

  • Pfarrer Dr. Marc Röbel ist Akademiedirektor der Katholischen Akademie in Stapelfeld.
  • Den Autor erreichen Sie unter redaktion@om-medien.de.

OM-hilft -  Helfen Sie mit! Das Oldenburger Münsterland hilft den Geflüchteten aus der Ukraine. Hilfsinitiativen, Wohlfahrtsorganisationen und viele mittelständische Unternehmen sind bereits dabei, die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Und auch Sie können sich beteiligen. Wie und Wo? Das sagt Ihnen  die Webseite om- hilft.org

Das könnte Sie auch interessieren

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Ich schäme mich - OM online