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"Ich habe vergessen, was Glück ist"

Kolumne: Auf ein Wort – Um Zuversicht zu erlangen, müssen wir uns zunächst von unserer Wut und Trauer befreien. Gerade in schwierigen Zeiten. (Das wäre im Sinne der Bibel?.)

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In den letzten Wochen: Wie viele Autounfälle und andere Unfälle in den Landkreisen Cloppenburg und Vechta! Oder im Artland! Von einer Sekunde auf die nächste ist die Welt eine andere. Von einem Moment auf den anderen ringt jemand um sein Leben. Mit ihm oder ihr die Angehörigen, Freunde, Kollegen. Von jetzt auf gleich braucht es einen Krankenwagen. Den Hubschrauber. Von einer Minute auf die andere ist jemand tot. Nicht mehr hier auf Erden.

Erklärungen gibt es keine. Jedenfalls keine pauschalen. Es bleibt nur noch Schweigen. Dabeibleiben. Aushalten. Was hilft in den Tagen und Wochen und Jahren danach? Kann der Glaube in solchen Momenten ein Strohhalm sein?

Ein Erstes: Der Bibel, dem Buch der Erfahrungen der Menschen mit ihrem Gott, ist Verzweiflung nicht fremd. Mit den "Klageliedern" sind 5 Kapitel ins Erste Testament aufgenommen, in denen es – zwar aus einem politischen Anlass – nur um das Klagen geht.

"Ausgeschüttet auf die Erde ist mein Herz (Klg 2,11)", schildert jemand sein Erleben. "In die Nieren ließ er mir dringen die Geschosse seines Köchers (3,13)" ein anderer. "Steh auf, klage bei Nacht (2,19)" wird ermutigt. "Ich habe vergessen, was Glück ist (3,17)". In "betender Revolte" gegen Gott klagt in einem anderen Buch Hiob, der seinen Besitz, seine Kinder, seine Freunde und seine Gesundheit verloren hat: "Warum verstarb ich nicht im Mutterleib (3,11)?" Oder später: "Zum Ekel ist mir mein Leben geworden (10,1)."

"Die Psalmen laden als Zweites dazu ein, die Trauer, die Wut, das Unverständnis Gott entgegenzuschmettern. Alles schonungslos auszusprechen. Ohne etwas zu verschweigen."Dietmar Kattinger

Die Psalmen laden als Zweites dazu ein, die Trauer, die Wut, das Unverständnis Gott entgegenzuschmettern. Alles schonungslos auszusprechen. Ohne etwas zu verschweigen. Eine Ahnung davon gibt der Brauch in früheren Jugendgottesdiensten, Klagen und Bitten mit Nägeln ans Kreuz zu hämmern. "Schweigen" auf jeden Fall – so lautet ein Buchtitel – wäre "gotteslästerlich".

Oft schaffen es die Beter in den Psalmen, nach einer Zeit der betenden Verzweiflung durchzustoßen zu einer zaghaften Zuversicht und einem anfänglichen Vertrauen.

Psalm 130 – ein Gebet, das ich von vielen Beerdigungen am offenen Grab stehend im Ohr habe – beispielsweise: "Aus der Tiefe rufe ich Herr zu Dir. Herr höre meine Stimme. Wende dein Ohr mir zu, achte auf mein lautes Flehen!" Und weiter: "Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen." Und am Ende: "Denn beim Herrn ist die Huld. Bei ihm ist die Erlösung in Fülle." Das ist kein Rat. Vielleicht ein Strohhalm.


Zur Person:

  • Dietmar Kattinger ist Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Landes-Caritasverbandes in Vechta.
  • Sie erreichen den Autor per E-Mail unter redaktion@om-medien.de.

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