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"Hollandmöbel": Auch in Bösel waren sie gefragt

Die Arisierung im Krieg sorgte für eine Schnäppchenjagd auf geraubtes Eigentum – unter anderem von niederländischen Juden. Auch im Böseler Jugendheim wurde ihr Hab und Gut vertrieben.

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Das Böseler Jugendheim im Jahr 1933: Während des Krieges wurde dort jüdisches Raubgut gelagert, später war es eine Festhalle.   Foto: Archiv Pille

Das Böseler Jugendheim im Jahr 1933: Während des Krieges wurde dort jüdisches Raubgut gelagert, später war es eine Festhalle.   Foto: Archiv Pille

„Etliche Böseler griffen ungeniert zu“, wissen Augenzeugen zu berichten, „und es würde mich nicht wundern, wenn das eine oder andere Gemälde, vielleicht eine Anrichte oder auch ein Sofa, noch in Böseler Haushalten steht.“ Als vor fast 80 Jahren Juden zu Tausenden mit Sonderzügen der Reichsbahn in die KZ-Vernichtungslager rollten und in den Gaskammern ihr Leben ließen, waren ihre Wohnungen längst geplündert. Über ihr Hab und Gut machten sich dann gleichermaßen die „deutschen Partei- und Volksgenossen“ her – auch in Bösel.

Bis heute herrscht vielerorts – wie auch in Bösel – Schweigen zu diesem dunklen Kapitel der Geschichte, es wird verdrängt und klittiert. Durch die Verteilung geraubten jüdischen Besitzes hatte es das Hitler-Regime geschafft, weite Kreise der Bevölkerung – auch sogenannte "kleine Leute" – zu Komplizen seiner Raub- und Mordpolitik zu machen. Auch Böseler Bürger wurden Profiteure dieses ungeheuren fiskalischen Fischzuges.

Ein 90-jähriger Zeitzeuge (Name ist dem Autor bekannt) erinnert sich: „Ich weiß es noch genau: Es muss 1943 oder 1944 gewesen sein. Das frühere Jugendheim an der Bahnhofstraße war angefüllt mit feinsten Möbelstücken, jede Menge an Gemälden und Büchern. Sie kamen allesamt aus beschlagnahmtem jüdischen Besitz, und man bediente sich ohne Scheu.“

Von einer kontrollierten Weitergabe konnte keine Rede sein 

Offenbar konnte sich jeder holen, was er wollte. Von einer kontrollierten Weitergabe, etwa an Familien, deren Väter gefallen waren, ist dem Zeitzeugen nichts bekannt oder aufgefallen. Ausgebombte gab es zu diesem Zeitpunkt in Bösel noch nicht. Das Jugendheim war 1933 durch die katholische Kirche gebaut worden. Konnte damals Bösels Pfarrer Franz Sommer die Räumlichkeiten noch für eine Parteiveranstaltung des Gauleiters Carl Röver verweigern, war er später machtlos.

Beschlagnahmt, erpresst, erbeutet, sozialisiert: Es waren offenbar die sogenannten „Hollandmöbel“, geraubtes Eigentum vornehmlich holländischer, französischer und belgischer Juden, die zum großen Teil bereits schon in die Gaskammern abtransportiert waren. Das war ein offenes Geheimnis, und die Bevölkerung wusste, woher die Möbel und Bilder kamen und hat sie trotzdem angenommen.

Ein weiterer Böseler Zeitzeuge (Name ist dem Autor bekannt) weiß sich zu erinnern, dass das Raubgut mit dem Schiff über den Küstenkanal aus Holland nach Bösel gelangt ist. Man nahm den Krieg als Vorwand, um die Juden, die angeblich am Krieg Schuld waren, zu berauben und ihr Hab und Gut an die deutsche Bevölkerung zu verteilen. Die Arisierung im Krieg, das war die vergnügliche Jagd nach Schnäppchen, der kleine Kaufrausch im Schlussverkauf an der Heimatfront. Die Volksgemeinschaft als Zugewinngemeinschaft der „Entjudungsgewinne“, „deutsche Volksgenossen“ als Profiteure der Judenmorde, leider auch in Bösel.

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