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Heute gibt es mal nicht 100 Prozent

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Gleiche Verpackung, weniger Inhalt. Nun wird offensichtlich, dass uns dieser aktuelle Krieg auch etwas kostet. Zunächst einmal vor allem Geld.

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Liebe Leser dieser Kolumne, ich muss Sie enttäuschen. Angesichts der aktuellen Entwicklungen kann ich Ihnen heute leider nicht meine 100-prozentige Zuwendung widmen. Sie können aber beruhigt sein, dadurch ändert sich am Preis dieser Zeitungsausgabe gar nichts.

Ich mache es wie viele andere Großkonzerne: Gleiche Verpackung, weniger Inhalt. Sie haben sicherlich auch schon eine Schachtel Ihrer Lieblingspralinen in der Hand gehabt, an der Kasse den alten Preis beglichen, und erst zu Hause gemerkt, dass statt 100 nur noch 90 Gramm in den Plastikausbuchtungen liegen. Kurz gesagt: Da ist noch viel Luft nach oben!

Nach außen hin wird der Schein gewahrt

Nun könnte man sagen, immerhin stimmt die Packungsgröße. Damit wäre der Schein nach außen hin gewahrt. Und das ist – psychologisch gesehen – schon mal ein Pfund. Denn was ist, wenn alle Packungen schrumpfen? Dann wird ja offensichtlich, dass uns dieser aktuelle Krieg auch etwas kostet. Zunächst einmal vor allem Geld.

Zum Glück haben wir ja Politiker, die – ähnlich wie Kolumnenschreiber – die Kunst beherrschen, auch schlechte Nachrichten so zu verpacken, dass man den negativen Touch nicht merkt; zumindest nicht gleich. Da werden alle mitgenommen, die sozialen Belange berücksichtigt, die Schwachen nicht im Stich gelassen und vor allem wird die Wirtschaft stark gestützt. Die Packungsgröße der Versprechungen bleibt konstant. Mal gucken, was sich dann dahinter verbirgt – ob wirklich Pralinen in den Ausbuchtungen liegen?

"Und so könnten wir Kolumnisten eigentlich immer die volle Packung abliefern – bis zum bitteren Ende: Verluste, Ängste, Tränen inklusive."Andreas Kathe

Kolumnenschreiber haben im Vergleich zu Politikern einen großen Vorteil. Wir werden nicht gewählt. Höchstens mal für eine verunglückte Wortwahl kritisiert oder ausgebuht, wenn wir Meinungen vertreten, die nicht allen gefallen. Sei’s drum, das rutscht den Buckel runter. Und die Zeitungen wollen ja auch, dass man was schreibt. Sonst müssten sie aus lauter Verzweiflung eine teure Anzeige in den freien Platz kleben. Zeitungsseiten mit leeren Textblöcken sehen irgendwie blöd aus.

Und so könnten wir Kolumnisten eigentlich immer die volle Packung abliefern – bis zum bitteren Ende: Verluste, Ängste, Tränen inklusive. Heute, wie gesagt, gebe ich mal nicht 100 Prozent. Irgendwie ärgere ich mich über die Pralinen. Und die beste Ehefrau von allen, die über meine Schulter lugt, hat auch nur einen Kommentar: „Da ist noch viel Luft nach oben!“


Zur Person:

  • Der Journalist Andreas Kathe lebt in Dinklage.
  • Lange Jahre war er Redakteur und Redaktionsleiter der OV.
  • Den Autor erreichen Sie unter: redaktion@om-medien.de.

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