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Heute bleibt bei mir die Küche kalt

Kolumne: Das Leben als Ernstfall – Im Urlaub selbst zu kochen, kann eine wahre Wonne sein. Hin und wieder darf man sich aber auch von den Profis am Herd kulinarisch verwöhnen lassen.

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"Die besten Partys enden in der Küche", hört man immer wieder. Da ich persönlich Partys und geselliges Beisammensein an sich in etwa so sehr schätze wie Reizhusten und mir in aller Regel selbst genug bin, fragen Sie mich bitte nicht, ob an der These etwas dran ist! Wohl aber weiß ich als begeisterter Hobbykoch, dass mir Küchen mit die liebsten Räume unterm Gebälk sind. So auch regelmäßig und jüngst vergangene Woche in der Sylter Ferienwohnung. Was könnte – Partys mal ausgenommen – schöner sein, als nach einem ausgiebigen Gang durch die Dünen daheim dem Seeteufel Röstaromen angedeihen zu lassen oder marinierte Lammfilets in die gusseiserne Pfanne zu betten?!

„Durch ein offenes Entrée schwappt das Meeresrauschen der Nordsee akustisch bis an die Tische.“Heiko Bosse

Gleichwohl: Hin und wieder soll man den Profis, den wahren Zauberern am Herd, das Feld überlassen. Und so nehme ich an jenem insularen Dienstag vorfreudig im avantgardistischen, weil einmalig puristischen, Gastraum Platz und entscheide mich nach Fisch und Lamm der vergangenen Tage heute einmal fürs Geflügel. Der Clou dieses – Pardon – "Ladens": Durch ein offenes Entrée schwappt das Meeresrauschen der Nordsee akustisch bis an die Tische. Eine nicht minder offene Küche – ein Trend in der Spitzengastronomie – erlaubt mir gar, dem Maestro bei seinem Handwerk zuzusehen. Eine wahre Wonne! Filigran wie Thomas Martin im Hamburger "Louis C. Jacob" schneidet er Gurke und Rotkraut in feinste Julienne und würfelt die saftige Tomate in akkurate Brunoise. Nichts wird dem Zufall überlassen – der Mann hat ein Konzept.

Nahezu jeden Genießer, der das Lokal neu betritt, begrüßt der Chef des Hauses persönlich. Eine Form der Gastgebermentalität, wie ich sie schon oft bei Pius Regli im Kampener "Manne Pahl" erleben durfte und seitdem ganz besonders schätze.

Während ich gedankenverloren mit dem Zeigefinger die Struktur meiner Serviette erkunde, widmet sich der durch und durch unprätentiöse Mann im weißen T-Shirt dem Protagonisten meines Gerichts: dem Hühnchen. Schon aus der Ferne weiß mich das Fleisch optisch zu verzücken: außen leicht gebräunt, innen hell und saftig glänzend. Als es auf dem Teller liegt, die Gemüse angerichtet sind, gilt es, dem Hühnchen mit einer Art Chili-Chutney das gewisse Britzeln zu verleihen und es anschließend mit einer roséfarbenen Soße zu nappieren, an der – ich lehne mich aus dem Fenster – selbst "Soßengott" Christoph Rüffer aus dem Hamburger "Haerlin" seine wahre Freude haben könnte.

Mein Feinschmecker-Glück ist im Anmarsch

Zum Schluss noch mit einem Schwung aus dem Handgelenk die Kartoffelbeilage ans Hühnchen drapiert. "So wird’s Gericht a bisserl molliger", würde Haubenkoch Richard Rauch vom "Steira Wirt" vielleicht sagen, denke ich – und kann das nahende Feinschmecker-Glück kaum mehr erwarten.

Endlich kommt mein Teller zu mir an den Tisch. Ich juchze innerlich. "Lass' dir schmecken!", wünscht mir der Chef de Cuisine besten Appetit. Ich nicke anerkennend, antworte: "Vielen Dank!" und meine damit "Danke, Mann!".

Alter, manchmal brauch’ ich einfach so 'nen gepflegten Dönerteller!


Zur Person:

  • Heiko Bosse ist Mitglied der Chefredaktion der OM-Medien.
  • Den Autor erreichen Sie per E-Mail an: redaktion@om-medien.de.

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