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Hebamme ist definitiv kein Job für das Homeoffice

Durch Corona hat sich für die Hebammen Claudia Schlump und Ulrike Wernke in der Arbeit viel verändert. Wegen des Umstiegs auf Online-Kurse geht viel an persönlicher Beziehung verloren.

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Kein Betrieb im Kursraum: Weil Geburtsvorbereitungskurse und Gymnastik nur online stattfinden können, vermisst Hebamme Ulrike Wernke die zwischenmenschliche Interaktion mit den werdenden Müttern. Foto: Stix

Kein Betrieb im Kursraum: Weil Geburtsvorbereitungskurse und Gymnastik nur online stattfinden können, vermisst Hebamme Ulrike Wernke die zwischenmenschliche Interaktion mit den werdenden Müttern. Foto: Stix

Eine Frage begleitet Hebamme Claudia Schlump seit Beginn der Corona-Pandemie: Dürfen die werdenden Väter mit in den Kreißsaal? "Da arbeiten die Krankenhäuser unterschiedlich", antwortet Schlump dann ein ums andere Mal. "Hier in der Region dürfen sie, sofern sie gesund sind, mit rein, aber natürlich nur mit Mundschutz und mit Abstand." Und direkt nach der Entbindung müssen sich die frisch gebackenen Väter auch zunächst einmal verabschieden.

Auf der Wöchnerinnenstation sind die Väter tagsüber dann meist willkommen. Aber auch nur sie. "Geschwisterkinder oder Großeltern allerdings fallen im Normalfall unter das Besuchsverbot", sagt Schlump. Das hat zur Folge, dass viele Mütter schon nach 24, spätestens nach 48 Stunden das Krankenhaus wieder verlassen wollen. Und das wiederum bedeutet für die Hebammen, dass sie viel früher als sonst wieder mit den von ihnen betreuten Frauen zusammentreffen.

Psychologische Betreuung fehlt

"Schwangerenberatung, Wochenbettbetreuung und die Hilfe bei Schwangerschaftsbeschwerden laufen fast normal weiter", erzählt Ulrike Wernke. "Was wegfällt, sind der Schnack und der Tee davor und das Informelle, das die Beziehung zwischen Hebamme und Mutter ausmacht." Dadurch fehle auch viel an psychologischer Betreuung, die zur Arbeit einer Hebamme eigentlich dazu gehöre.

Die größte Veränderung aber gab es im Kursangebot. "Die Kurse zur Geburtsvorbereitung dürfen ja nicht in Präsenzform stattfinden", bedauert Wernke, die sich mit Schlump und Susanne Pünter zu einer Hebammen-Praxis zusammengetan hat. "Der Kursraum, den wir dafür angemietet und eingerichtet haben, steht mit 2 kurzen Unterbrechungen im Sommer eigentlich seit einem Jahr leer." Stattdessen laufen die Kurse online, die Hebammen versuchen, das Beste aus der neuen Situation zu machen. "Die Kinder finden das toll", sagt Wernke. "Jetzt kann ich abends zwischen 2 Kursen schnell noch gute Nacht sagen."

"Es ist unpersönlicher geworden, das Zwischenmenschliche fehlt, der Schnack, der Erfahrungsaustausch am Rande des Kurses."Ulrike Wernke, Hebamme

Sie selbst ist von der coronabedingten Digitalisierung ihrer Arbeit nicht begeistert. "Es ist unpersönlicher geworden, das Zwischenmenschliche fehlt, der Schnack, der Erfahrungsaustausch am Rande des Kurses", erzählt die 38-Jährige. Gerade Erstgebärende, die sich gerne Tipps holen oder Fragen zu auftauchenden Problemen mit anderen jungen Müttern besprechen wollen, würden unter der Situation leiden.

Schlump hat zudem festgestellt, dass sich ihre Arbeitsweise in den Kursen verändert hat. "Ich mache jetzt das, was ich eigentlich nie machen wollte, nämlich eine Stunde lang einen Vortrag halten", sagt sie. Die kurzen Rückfragen, die Interaktion, die Diskussionen, all das fällt weg. "Ich würde", sagt die 51-jährige Strücklingerin, "unheimlich gerne wieder in den Kursraum gehen."

Schwaches Internet macht Kursteilnahme schwierig

Weil das aber nicht erlaubt ist, müssen auch Schwangerschafts- und Rückbildungsgymnastik online stattfinden. "Das sind jetzt reine Sportkurse mit einer Vorturnerin und etwa 8 Teilnehmerinnen", sagt Wernke. "Das geht erstaunlich gut und ist sehr effektiv, aber vielen Frauen fehlt es, einfach mal für eine Stunde von zu Hause weg zu können."

Hinzu kommen die üblichen technischen Probleme. "Ich habe 2 Teilnehmerinnen, die für die Kurse zu ihren Schwägerinnen fahren müssen, weil bei ihnen zu Hause die Internetverbindung nicht stabil genug ist", erzählt Wernke. Und auch Schlump musste erst einmal neue LAN-Kabel verlegen lassen und technisch aufrüsten. "Das sind wir den Teilnehmerinnen schuldig, dass technisch alles funktioniert", sagt sie. "Wir kommen an der Digitalisierung nicht vorbei, aber es ist definitiv kein Job, den man im Homeoffice erledigen kann."

Kein neuer Babyboom durch Corona

Mit einem Corona-Mythos räumen Schlump und Wernke im Gespräch dann auch noch auf. "Es hat trotz der coronabedingten Einschränkungen und Sorgen keine Veränderungen bei der Zahl der Geburten gegeben", versichern beide. "Corona hat nicht zu einem neuen Babyboom geführt."

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