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Häusliche Gewalt: Modellprojekt will Frauen besser schützen

Auf einer Fachtagung des Landfrauenverbandes Weser-Ems in der Stadthalle Cloppenburg berichteten Referenten über Herausforderungen und Möglichkeiten von Hilfs- und Unterstützungseinrichtungen.

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Gefangen im Gewaltkreislauf: Statt einen Schlussstrich zu ziehen, versöhnen sich Frauen oft wieder mit ihrem gewalttätigen Ehemann.   Symbolfoto: dpa

Gefangen im Gewaltkreislauf: Statt einen Schlussstrich zu ziehen, versöhnen sich Frauen oft wieder mit ihrem gewalttätigen Ehemann.   Symbolfoto: dpa

Silvia L.* plante ihre Flucht nach einem Martyrium. Über zehn Jahre hatte ihr Mann sie zuvor geschlagen und von Freunden und Familie isoliert, sagt Maike Ahlrichs, Kriminalhauptkommissarin bei der Polizei Osnabrück. Doch vor der Polizei sagte Silvia L. nie aus, in der Hoffnung, ihr Mann würde sich ändern. Bis sie doch den Mut fand, unter einem Vorwand zu fliehen.

Ahlrichs stellte am Mittwoch das Netzwerk "Osnabrück gegen Gewalt" in der Stadthalle Cloppenburg vor, gemeinsam mit Heike Bartling von der Beratungs- und Interventionsstelle des Sozialdienstes Katholischer Frauen Bersenbrück. Anlass war die Fachtagung „Hinschauen“ des Niedersächsischen Landfrauenverbandes Weser-Ems zum Thema häusliche Gewalt. 

Netzwerk soll Risikofälle unterstützen

Diese ist nach wie vor trauriger Alltag für viele Frauen, Kinder und auch Männer. „Dabei handelt es sich um ein Phänomen, das sich in der Stadt und auf dem Land abspielt, quer durch alle Schichten und leider immer noch ein Tabu-Thema ist“, erklärte Maren Meyer, Vizepräsidentin des Niedersächsischen Landfrauenverbandes Weser-Ems.

Ahlrichs und Bartling wollen das ändern. Sie berichteten den Landfrauen in Cloppenburg von einem Fallmanagement bei Hochrisikofällen, das 2015 als Modellprojekt in Osnabrück gestartet wurde. Die Idee ist, dass ein Netzwerk von Institutionen, wie Polizei, der Beratungs- und Interventionsstelle (BISS) und dem Weißem Ring, einzelne Hochrisikofälle mithilfe einer Checkliste herausfiltert und die betroffenen Frauen über die schon bestehenden Hilfen hinaus berät, mittel- bis langfristig unterstützt sowie für ihre Sicherheit sorgt. 

So sucht das Netzwerk etwa für das Opfer eine Unterkunft, leistet finanzielle Unterstützung - zum Beispiel, um Türschlösser auszutauschen - oder hilft bei Anträgen. 

Ehemann hielt Enkel von Großeltern fern

Der Fall von Silvia L. geschah vor Beginn des Modellprojekts, wäre aber "ganz sicher als Hochrisikofall eingestuft worden", erklärt Heike Bartling. Silvia L. lernte ihren Mann zu Beginn ihres Studiums kennen, als sie gerade 19 Jahre alt war. Sie wurde schwanger, brach ihr Studium ab und heiratete. Drei weitere Kinder folgten. "Die Großeltern sahen ihre Enkel über Jahre nicht", sagt Ahlrichs. Der Ehemann hielt Frau und Kinder von ihnen fern.

Über Jahre hinweg kam es immer wieder zu Polizeieinsätzen, doch Silvia L. sagte nie gegen ihren Mann aus. Mit Ende 20 schaffte sie es schließlich doch, dem Gewaltkreislauf zu entkommen. Die junge Mutter erinnerte sich an die BISS-Beratungsstelle zurück und knüpfte darüber Kontakte zu einem Frauenhaus. Unter dem Vorwand, eines der Kinder zum Fußballtraining zu fahren, setzte sie ihre Kinder ins Auto und floh. Die Ehe ist mittlerweile geschieden.

Lanfrauen wollen Forderungen stellen

Neben Ahlrichs und Bartling sprachen auf der Fachtagung auch Lisa Schmidt von der Koordinierungsstelle der Niedersächsischen Frauen- und Mädchenberatungsstellen gegen Gewalt, Anja Ananieva vom Ophelia Beratungszentrum in Langenhagen sowie Nora Stein vom Landespräventionsrat Niedersachsen. Die Referentinnen verdeutlichten den Landfrauen, vor welchen Herausforderungen das Netzwerk aus Hilfs- und Unterstützungseinrichtungen steht. Die Landfrauen wollen aus dem gewonnenen Wissen einen Forderungskatalog erstellen.

Wie Ahlrichs und Bartling erklären, könnte das vorgestellte Fallmanagement bei Hochrisikofällen demnächst landesweit in den Landkreisen zum Einsatz kommen.

Wenn Sie als Frau von häuslicher Gewalt betroffen sind, können Sie sich an das "Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen" wenden, zu erreichen unter der Telefonnummer 08000116016.

*Um die Anonymität des Opfers zu wahren, wurde der Name geändert.

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