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Harry Potter, Spielgeld und ein Fuchs im Garten

Meine Woche: London ist teuer, aber spannend – und manchmal ist die Weltstadt auch nur ein Dorf.

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Ist das wirklich schon 40 Jahre her? Goring-by-Sea, drei Wochen Sprachkurs. Zwei deutsche Jungs im Haus einer Alleinerziehenden mit kleinem Sohn und rostigem Kleinwagen. Im Kino lief Flashdance.

Jetzt also wieder London. Airbnb. Ich weiß: böse. Aber auch schön. Liam überlässt uns sein Haus, während er mit seiner Familie nach Kreta fliegt. Das Viertel heißt Seven Sisters. Alte englische Reihenhäuser. Die meisten heruntergekommen. Auf der Hauptstraße sind wir die einzigen Weißen. Handyshops, afrikanische Nagelstudios, ein türkischer Supermarkt. Es riecht nach Hasch. In einigen Vorgärten liegt Müll. Aber: Die Gentrifizierung hat begonnen. Liams Haus ist renoviert und wunderschön. Die Mittelschicht kommt, die ersten schicken Bars. An einer Bruchbude in der Nachbarschaft hängt ein Maklerschild. 725.000 Pfund. Für London ein Schnäppchen.

Mit der Victoria Line sind es fünf Stationen bis ins Zentrum. In der U-Bahn ist es heiß und laut. Nach zwei Tagen murmele ich die Durchsagen mit: „Please stand clear of the closing doors.“ Zur Rush Hour ist es so voll, dass man nicht umfallen kann. Eine Maske trägt niemand. Corona gibt es in England nicht mehr. Die U-Bahn-Zeitung verkündet den neuen Premier: „Here comes the Sunak“.

Nur der gepiercte junge Mann am Camden Market freut sich noch über Münzen. „Help Punk get drunk“, steht auf seinem Pappschild.Andreas Hammer

Wohin zuerst? Der weibliche Teil der Familie hat den letzten freien Time-Slot für die Harry-Potter-Welt ergattert und kommt euphorisiert zurück.

Mein Sohn und ich gehen ins Imperial War Museum. Flugzeuge, Panzer, bedrückende Schwarz-Weiß-Filme. Als Deutscher fühlt man sich unwohl. „Zehn Bomber pro Minute brennen Köln nieder“, jubelt eine alte Schlagzeile. Krieg ist Wahnsinn.

Die Stadt ist voll mit Touristen. Wir dürfen uns wie Einheimische fühlen. Wir nehmen ein Paket für die Nachbarn an, kaufen bei Tesco ein. Und staunen über den riesigen Fuchs, der eines Abends im Garten steht.

Am Tower hören wir eine Stimme hinter uns: „Nee! Da muss man nach London reisen, um die Vechtaer zu treffen!“ Silvia, vor 20 Jahren OV-Volontärin, mit Familie. Zu neunt schlendern wir über die Tower Bridge, erzählen uns unsere Leben. Die Welt(-Stadt): ein Dorf. Im Regen flüchten wir zu Harrods. Alle drei Meter ein Aufpasser. Luxus in seiner primitivsten Art. Eine Babyjacke 400 Pfund. Nichts wie raus hier.

London ist teuer. Die Pfundnoten, die sich anfühlen wie Spielgeld, werden wir trotzdem kaum los. Ohne Karte geht nichts. Nur der gepiercte junge Mann am Camden Market freut sich noch über Münzen. „Help Punk get drunk“, steht auf seinem Pappschild.

Die Museen sind kostenlos. British, Natural History, Tate Modern – dann reicht es auch. Jetzt noch zum Fußball. West Ham gegen Bournemouth. Die tollste Liga der Welt? Na ja. Keine Transparente, keine Pyros. Da ist bei Werder mehr los.

Nach einer Woche geht es zurück. Die Abba-Avatare und den Hyde Park schaffen wir nicht mehr. Vielleicht beim nächsten Mal. Muss ja nicht wieder 40 Jahre dauern.


Zur Person:

  • Andreas Hammer ist Sportredakteur bei OM-Medien und lebt in Vechta.
  • Sie erreichen den Autor per E-Mail an: sport@om-medien.de.

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