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Handy weg, das Leben ruft

Kolumne: Die Generation Z zeigt's Ihnen – Immer wieder verbringe ich Stunden im Internet. Bereichert das mein Leben?

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Vorurteile über Vorurteile. Die Jugend und ihre Handys. Letztens habe ich mich wieder erwischt. Nach einem langen Tag ohne mein geliebtes Smartphone wollte ich im Bett noch kurz daddeln. Was dann passiert, ist klar. Endlos scrollen. Mag es die "Timeline", die "For You Page" oder der "Feed" sein, ich nehme das meiste schon gar nicht mehr wahr. Dauerbestrahlung ist das Ziel. Das Gehirn mal ausschalten. Ein kurzer Blick auf die Uhr verrät: Oh Mist, es ist 3 Uhr. Wie ist das schon wieder passiert?

Die Antwort ist klar: Genau darauf sind die Apps ausgelegt. Die Zeit vergeht schneller, wenn man Spaß hat. Da sind Algorithmen die Profis: Spaß erschaffen. Während ich immer kurz überlegen muss, was denn wohl meine größten Interessen sind, wusste es der TikTok-Algorithmus 5 Minuten, nachdem er mich kennengelernt hat.

Ich erinnere mich noch an eine Zeit, bevor ich ein "Smombie" (Kofferwort aus den Begriffen „Smartphone“ und „Zombie“) wurde. Da war ich eigentlich täglich draußen. Statt Daddeln im Wald Fahrradfahren. Ab der Oberstufe ging es dann bergab. Im Dunkeln verlasse ich das Haus, im Dunkeln komme ich nach Hause. Wer hat da noch Motivation, selbst aktiv zu werden? Es ist aber auch verlockend. Ich habe die ganze Welt in meiner Hand. Und doch erlebe ich sie ja meist allein in meinem Zimmer. Noch nie war es möglich, so vernetzt und gleichzeitig so allein zu sein.

"Mit 16 höre ich Podcasts zur radioaktiven Endlagerung. Bringt mir das irgendwas? Nein – aber interessant war es ja schon."Ella Wenzel

Die Urlaubszeit ist da besonders brutal. Alle sind unterwegs, ich muss mich selbst beschäftigen. Da falle ich wieder ins Netz. Mit 14 tauche ich ein in die Welt der Geschlechterforschung, mit 15 schaue ich Vorlesungen zur Neurobiologie, mit 16 höre ich Podcasts zur radioaktiven Endlagerung. Bringt mir das irgendwas? Nein – aber interessant war es ja schon.

Es hat die Zeit der Nerds begonnen. Endlich kann man sich über Nischen-Interessen unterhalten, ohne an die normale Art der Kommunikation gekettet zu sein. Ob auf der anderen Seite tatsächlich der gleichaltrige Tom oder doch der 60-jährige Heinrich sitzt, ist mir egal. Er hört mir zu und treffen will ich eh niemanden. In meinem Zimmer ist es gemütlich und ich muss mich nicht anstrengen, eine normale Unterhaltung zu führen.

Auswirkungen auf das echte Leben hat das Ganze auch. Die größte ist klar: Ich nehme immer weniger teil. Die Wahl zwischen Party und Netflix fällt, ohne darüber nachzudenken. Das echte Leben erscheint immer langweiliger (Wo sind die Filter?), immer unpraktischer (Wieso kann ich nicht einfach einen Daumen nach oben geben, anstatt mit dir zu reden?) - und immer anstrengender (Wo verstellt man die Helligkeit, die Lautstärke, die Geschwindigkeit..?)

Bildschirmzeit runter, Fahrrad aus der Garage

Spätestens als ich angefangen habe, mir bei Gesprächen zu wünschen, dass ich die anderen auf doppelte Geschwindigkeit stellen könnte, wusste ich, hier läuft was krumm. Letztendlich ging es doch beim Internet darum, unser alltägliches Leben zu vereinfachen – ein Zusatz, eine Bereicherung. Wieso bringt es mich nun aber dazu, dem echten Leben den Rücken zu kehren?

Deswegen mein neues Ziel: Bildschirmzeit runter, Fahrrad aus der Garage. Menschen brauchen Menschen. Auf kurze Zeit mag ein Video unterhaltsamer sein als ein Treffen mit Bekannten. Auf lange Zeit zehren wir von letzterem aber länger. Es ermöglicht das, was das Internet nie können wird: Wahre Verbindung.


Zur Person:

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