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Hahn im Korb

Kolumne: Notizen vom Nachbarn – Neulich hatte meine 95-jährige Tante, eine pensionierte Lehrerin, einen ihrer Abiturjahrgänge zu Besuch. Für mein ein unvergesslicher Nachmittag.

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3 Jahre sind schon vergangen, da bin ich in ein Team verbliebener Südoldenburger gerutscht, das unser 40-jähriges Abitreffen organisieren wollte. Was für ein schwieriger Plan. In Pandemiezeiten immer wieder neue Termine gesucht, unbekannte E-Mail-Adressen gesichtet, nach verzogenen, ergrauten Klassenkollegen gefahndet, und das in einem Haufen einer riesengroßen Jahrgangsstufe. Meine tiefste Verneigung vor allen Organisationsmeistern, die diese Abschlusstreffen immer wieder aus dem Hut zaubern.

Das war früher einfacher, als noch im Klassenverbund mit einer ordentlichen Klassenlehrerin oder einem Klassenlehrer gelernt wurde. Die Spur von 2 Dutzend Mitschülern verwischt nicht so schnell. Meine mittlerweile 95-jährige Tante pflegt bis heute den Kontakt zu ihrer allerersten Abschlussklasse, die sie vor 60 Jahren an der Liebfrauenschule in Vechta als Klassenlehrerin zum Abitur führte, mit begeisterter jährlicher Regelmäßigkeit. In diesem Jahr stand ein Besuch ihrer „Mädchen“ in Tantes Garten in Emstek an – gut, ich hatte sie wagemutig überredet, nicht in ein Lokal zu gehen, sondern zusammen mit Oma das Catering bei meiner Tante zu managen.

Was für ein unvergesslicher Nachmittag – Butterkuchen, Kaffee, ganz viel Wasser, Tee, Chips, Wein und jeden Stuhl, den wir im Haus finden konnten, schleppte ich an für eine 20-köpfige, lebensfrohe weibliche Runde – mit einem Mann. Meine Tante hatte mich vorher aufgeklärt, es wären fast alle Lehrerin geworden, und es dürfte auf keinen Fall etwas schiefgehen. Als in der munteren Runde zur Begrüßung ein ordentlicher Kanon – ohne Probe – durchs Haus erklang und die erste Tasse Kaffee getrunken war, musste ich überraschend zum Rapport antreten. Ein sehr ernstes Hühnchen hatten die netten Damen mit mir zu rupfen. Damals, kurz vorm Abitur vor über 60 Jahren, hätte meine Tante ihre so ersehnte Klassenfahrt einfach immer wieder verschoben, weil ich als ihr erster Neffe kurz vor der Geburt stand und einfach noch nicht das Licht der Welt erblicken wollte.

"Ein sehr ernstes Hühnchen hatten die netten Damen mit mir zu rupfen."Antonius Schröer

Ich bat reumütig um Verzeihung für meine verspätete Geburt und schenkte schnell nochmal Kaffee nach. Ganz Klassenlehrerin, bestimmte Tante Lucie dann den weiteren Verlauf und forderte ihre „Mädchen“ auf, reihum aus ihrem Leben zu erzählen. 2 Stunden saß ich gespannt backstage, lauschte den Erzählungen von Karrieren, Krisen, Kindern, Haustieren, Krankheiten, Ehemännern und immer, immer wieder von größtem Lebensmut und Freude. An diesem Nachmittag war ich das ergraute Küken und sehr gerne der Hahn im Korb bei einer wunderbaren Runde – besser als jeder Fernsehfilm. Natürlich ging es auch zum jährlichen Klassenfoto auf den Rasen, und die Damen strahlten mich an. Mir fiel ein Stein vom Herzen, meine zu späte Geburt schien jetzt endlich verziehen.

Ich denke, mein eigenes Abitreffen kann vielleicht noch 20 Jahre warten – wenn es dann so schön wird, wie bei meiner Tante und ihren „Mädchen“. Meine Kinder würden sagen, es war ein richtig geiler Nachmittag.


Zur Person:

  • Der Autor Antonius Schröer führt mehrere Modehäuser.
  • Der 60-Jährige verkörpert das Vechtaer Original „Straßenfeger“ im Karneval.
  • Kontakt: redaktion@om-medien.de.

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