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Grüße aus Schilda

Kolumne: Die Sagenstadt mit ihren pragmatischen und kreativen Bürgern ist überall, auch in Vechta. Beispiele gefällig?

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Kennen Sie die Geschichte von den Schildbürgern, die sich voller Stolz ein neues, dreieckiges Rathaus bauen, aber dabei die Fenster vergessen? Weil sie patente Menschen sind, fangen sie das Licht draußen mit Säcken ein und karren es ins Rathaus.

So viel Pragmatismus gibt es nicht nur in den von Erich Kästner aufgeschriebenen Sagen um die Bürger von Schilda. Schilda ist überall. Zum Beispiel in Vechtas Stadtteil Oythe. Motto: Das sehen wir dann, wenn es soweit ist. Da planten Politik und Verwaltung bereits im Jahr 2010 wegen der großen Nachfrage zuerst ungefähr mit 50 Bauplätzen, später mit weiteren 150, die alle vorzugsweise an Familien vergeben werden sollen. Übrigens lässt die Stadt zumindest beim ersten Bauabschnitt kein Glasfaserkabel verlegen, denn das mit dem Internet scheint damals ein Phänomen, das bald wieder verschwindet. Egal, man kann sich ja auch mal irren. Reißen wir die vor wenigen Jahren gepflasterte Straße halt wieder auf.

"Das deutsche Planungsrecht und schnelles Handeln passen ungefähr so gut zusammen wie Schildbürger und Weitsicht."Stefan Freiwald

Aber zurück zum Thema Baugebiet: Rund ein Jahrzehnt nach der Planung, im Jahr 2021, fällt den Schildbürgern, äh den Vechtaern, auf, dass tatsächlich alle Grundstücke verkauft wurden und der Stadtteil nun um etliche Kinder reicher geworden ist. Doch dass diese Mädchen und Jungen zur Schule gehen möchten, das konnte wirklich niemand vorhersagen. Politiker und Verwaltung reiben sich gleichermaßen die Augen. Zwar gibt es in dem Stadtteil eine Grundschule. Doch die ist viel zu klein, um noch mehr Schüler aufzunehmen.

Also wird es Zeit für eine Aktion à la Schilda: Schnell muss die Lehranstalt auf Teufel komm raus vergrößert werden. Doch das deutsche Planungsrecht und schnelles Handeln passen ungefähr so gut zusammen wie Schildbürger und Weitsicht. Und so wird die Schule womöglich dann erst vergrößert sein, wenn die Schülerzahlen durch den demografischen Wandel wieder zurückgehen. "Wir durften gar nicht so früh anfangen mit den Planungen", behaupten ernsthaft Parteienvertreter, die demnächst auch im Rathaus mitreden wollen. Gegen eine solche Planung habe das Land Niedersachsen etwas. Ach so. Die von ganz oben haben das verbockt. Also sitzen die eigentlichen Schildbürger in Hannover?

"Vielleicht hätte man beizeiten besser erst mal einen Kondomautomaten dort platziert mit der Aufschrift: 'Schützen Sie sich vor unserer Weitsicht! Ein Service der Stadt Vechta."Stefan Freiwald

Immerhin: An die kleineren Kinder denkt das Rathaus und plant eine Kita für das Baugebiet – zumindest nachträglich. Dumm, dass die Neubürger schon so fortpflanzungsfreudig waren, dass auch hierfür die Zeit nicht reicht und erst mal Container für viel Geld aufgestellt werden müssen. Vielleicht hätte man beizeiten besser erst mal einen Kondomautomaten dort platziert mit der Aufschrift: "Schützen Sie sich vor unserer Weitsicht! Ein Service der Stadt Vechta."

Gut, dass wenigstens die Hauptstraße durch den Stadtteil zeitnah – so die Aussage vor der Wahl – für den Ansturm der Neubürger gerüstet wird. Eine zweite Ampel soll her, um den Verkehr zu bremsen, damit die Elterntaxis pünktlich um 7.45 Uhr auf Hauptstraße und Schulparkplatz einbiegen können. Sehr gut. Das ist Weitsicht.

Und was 50 Meter weiter aus der engen und merkwürdig gelegenen Einfahrt zum derzeit im Bau befindlichen Stadion wird, das sehen wir dann in 2 Jahren. Dann können wir die Straße nochmal umbauen, wenn die Anlage mit 6 Fußballplätzen fertig ist und eine neue Zufahrt braucht. Warten wir doch erst mal ab, bis das erste Heimspiel ausfallen muss, weil sich der Reisebus der Gegner festgefahren hat.

An was sollen Verwaltung und Politik denn noch alles denken? Zumal am anderen Ende der Stadt schon das nächste Baugebiet droht – äh, lockt. Bei dem soll selbstverständlich alles besser werden. Na, schauen wir mal. Vielleicht wird es im Rathaus ja langsam hell.


Zur Person:

  • Stefan Freiwald (48) hat ein Büro für Journalismus, PR und Marketing in Vechta. Er lebt mit seiner Familie in Oythe.

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