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Grüße aus der Luftaufsichtsbaracke

Kolumne: Batke dichtet – Die Konzerte von Reinhard Mey sind von einer besonderen Schlichtheit geprägt, selbst im Volksparkstadion. Bei seinen Texten sieht das jedoch anders aus.

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„Der Mey ist gekommen“ titelte seinerzeit das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ und beschrieb ein Phänomen, das eine Nische zwischen Deep Purple oder Led Zeppelin auf der einen sowie Roy Black oder Howard Carpendale auf der anderen Seite gefunden hatte. Das war im Jahr 1971, und der Mey war der mit dem Vornamen Reinhard. Im Text hieß es: „Wenn der kleine, hagere Sänger die Gitarre zu seinen Liedern zupft, strömen junge Leute zu Tausenden in die ausverkauften Musikhallen.“

Der Mey ist gekommen. 51 Jahre später. Diesmal nach Hamburg, in die Arena neben dem Volksparkstadion. Im dritten Anlauf hat es geklappt, die üblichen Verschiebungen wegen Corona. Wir sind zu viert aus Lohne an die Elbe gereist und stellen fest: Der kleine, hagere Sänger zupft noch immer an der Gitarre, und ja, es strömen immer noch Tausende (in Hamburg sind es 4326), und nein, junge Leute sind es eher nicht – das Publikum ist mit dem Sänger gealtert. Wenn ich mich festlegen müsste, reden wir über einen Altersschnitt von 60 Jahren.

Reinhard Mey ist 79, am 21. Dezember wird er 80. Aber, die Plattitüde sei gestattet, er ist immer noch fit wie ein Turnschuh. Ein forderndes Programm, das der vitale Troubadour da gegenwärtig meistert. Seit dem 9. Oktober ist er auf Achse, jeden Abend geht pünktlich um 20 Uhr der Vorhang auf. „Ich wollte wie Orpheus singen“ bildet den Auftakt eines 23 Lieder umfassenden Programms, das der Chansonnier in 2,5 Stunden absolviert. Wenn Mey seine Tour am kommenden Dienstag in Wien beendet, hat er 17 Auftritte in 17 Tagen absolviert – eine stramme Leistung für einen Endsiebziger.

"Er taucht den Alltag in Poesie, mal ironisch, mal sarkastisch, mal traurig, mal optimistisch, mal romantisch, aber immer auf hohem sprachlichen Niveau."Alfons Batke

Konzerte von Reinhard Mey sind von ergreifender Schlichtheit. Der Sänger und seine Gitarre. Mehr nicht. Das mit der Schlichtheit mag auch für seine Musik gelten, für die Texte auf jeden Fall nicht. Er taucht den Alltag in Poesie, mal ironisch, mal sarkastisch, mal traurig, mal optimistisch, mal romantisch, aber immer auf hohem sprachlichen Niveau. Und, so las ich einmal, es gibt wohl keinen Liedermacher des Landes, der es schafft, das Wort „Jacke“ mit „Luftaufsichtsbaracke“ reimend in Einklang zu bringen, wie es ihm in seinem Klassiker des deutschen Liedguts „Über den Wolken“ gelingt.

Mey singt Lieder über das Leben, er ist ein feinsinniger Beobachter der Gegenwart und ein Chronist der jüngeren deutschen Vergangenheit. Und er hat durchaus einen Bezug zu unserer Region. Einen Auftritt in Vechta zu Beginn der Siebziger hat er in den augenzwinkernden Song über seine frühen Tourneeerlebnisse mit dem Titel „Wem Gott die rechte Gunst erweisen will“ einfließen lassen. Dort heißt es: „Mal abgeseh'n von Vechta/Da ging es mir schon viel schlechter/Nur vor Jahren ging es mir mieser schon/ In Iserlohn.“

Zurück nach Hamburg. Bevor Reinhard Mey zum finalen Abschiedsgruß nach dem seit Jahrzehnten jedes Konzert beendenden Songs „Gute Nacht, Freunde“ die Gitarre in die Luft reckt, hat er den ersten Titel der Zugabe mit „Wind Nordost, Startbahn null-drei“ eingeleitet, das Intro zu „Über den Wolken“. Lauschte das Publikum bis dahin 2 Stunden eher andächtig, fühlt es sich bei diesem Evergreen zum inbrünstigen Mitsingen animiert. Es hat atmosphärisch etwas vom Hochamt in der Kirche, wenn alle ins „Großer Gott, wir loben dich“ einstimmen. Auch, wenn sie gar nicht singen können.


Zur Person:

  • Alfons Batke blickt auf eine über 40-jährige journalistische Laufbahn zurück.
  • Der 66-Jährige lebt als freier Ruheständler in Lohne.

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