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Großes Schausteller-Treffen vor dem Amtsgericht

Kolumne: Recht hat, wer Recht bekommt – wobei die Prozessunterlagen in diesem Fall durchaus filmreif sind.

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Für Schausteller ist Corona-bedingt nichts los. Sie haben Zeit, ganz viel Zeit. Das wurde jetzt vor dem Amtsgericht in Vechta mehr als deutlich. Dort fand ein Prozess gegen einen Schausteller statt; ein großes Treffen war die Folge.

Ob der geltenden Coronaregeln durften nur wenige Gäste in den großen Schöffengerichtssaal. Viele weitere, in zwei Gruppen, blieben auf der Straße und warteten. Worauf? Angeklagt war ein 22-Jähriger, der zwei Stände auf Märkten hat, wie er ausführte. So auch auf dem Weihnachtsmarkt in Vechta –  lang, lange ist es her.

Der Vorwurf: eine Backpfeife für die Ex

Der junge Mann war angeklagt wegen einer Körperverletzung zum Nachteil seiner Lebensgefährtin, angeblich passiert auf dem Weihnachtsmarkt 2019 in Vechta. Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, am 23. Dezember 2019 seiner Ex mit der Hand ins Gesicht geschlagen zu haben. Mittels Strafbefehl sollte er dafür mit einer Geldstrafe verurteilt werden. Dagegen legte der 22-Jährige Einspruch ein.

Es kam zur Hauptverhandlung. Die Frau trat mit einem Anwalt als Nebenklägerin auf. Der Angeklagte bestritt, die Frau geschlagen zu haben. Er wisse aber, was hinter der Anzeige stecke. Man habe sich geeinigt, nach Weihnachten getrennte Wege zu gehen. Plötzlich sei seine Lebensgefährtin mit Kind aber weg gewesen. Er habe sie nicht erreichen können, dabei hätte er das Kind gerne gesehen. Beide seien aber nicht aufzufinden gewesen. Er wisse immer noch nicht, wo sie jetzt lebe. Er sehe sie seit Weihnachten 2019 jetzt erstmals aktuell im Gericht wieder.

Es habe zwar ein Treffen mit Angehörigen der Familie der Ex-Lebensgefährtin gegeben. Das habe aber auch nicht weitergeführt. Die Sachen der Frau aus der gemeinsamen Wohnung habe er in ein Fahrzeug geladen, auf Wunsch zum Cloppenburger Marktplatz gebracht und dort abgestellt.

Das bristante Detail: Sex hatte er auch mit der Mutter der Ex

Bei seiner Aussage kam der Mann dann –  für alle Beteiligten überraschend – auf einen wohl entscheidenden Punkt. Er teilte mit, dass er eineinhalb Jahre lang gleichzeitig auch ein Verhältnis mit der Mutter der Lebensgefährtin gehabt habe. Sie sei immer bei ihnen im Haushalt gewesen. Ob seine Gefährtin davon gewusst habe, wisse er nicht so genau. Das Verhältnis habe zeitgleich mit dem Ende seiner Beziehung mit der Lebensgefährtin geendet.

Angesichts dieser verworrenen Geschichte schlug die Strafrichterin ein Rechtsgespräch ohne Öffentlichkeit vor. Dem schlossen sich die Beteiligten an. Dabei kamen alle zu dem Ergebnis das Verfahren gegen den 22-Jährigen unter Zahlung einer Geldauflage von 250 Euro einzustellen, was dann auch geschah.

Er sei sich keiner Schuld bewusst, aber um die Sache vom Tisch zu bekommen, stimme er dem zu, so der Angeklagte. Dann könne ja vielleicht auch geklärt werden, wie und wo er das Kind wiedersehen könne. Das war dann auch der Zeitpunkt, wo der Anwalt der Ex-Lebensgefährtin deren Aufenthaltsort mit dem gemeinsamen Kind bekannt gab. Wie die getrennt auf den Parkplätzen wartenden Schausteller beider Lager das Ganze aufnahmen, das gehört nicht mehr zu meiner Berichterstattung.


Zur Person:

  • Klaus Esslinger ist Gerichtsreporter und war viele Jahre Lokalchef der Oldenburgischen Volkszeitung.
  • Kontakt zum Autor über: info@ov-online.de.

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