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Gott im Müll

Kolumne: Auf ein Wort – Müllberge stinken bis zum Himmel, auch in der Kirche. Wer den Abfall sortieren will, dem hilft die evangelische Theologin Dorothe Sölle – und ein Blick in die Bibel.

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Das Müllsortieren gehört zu den Selbstverständlichkeiten des Alltags. Wir sehen immer deutlicher: Die Vermüllung der Erde muss gestoppt werden. Umgekehrt leben auf dieser Erde viele Menschen im Müll. Sie werden Müllsucher oder Müllsammler genannt. Sie leben vor allem in Entwicklungsländern. Aber nicht nur auf den dortigen Müllbergen stinkt es bis zum Himmel. Müllberge kann es auch im übertragenen Sinne geben.

Das macht die Missbrauchsstudie für das Bistum Münster deutlich, die vor knapp 2 Wochen veröffentlicht wurde. Täglich werden wir mit Nachrichten überhäuft, die uns etwa fragen lassen: Was haben Würdenträger in der Kirche eigentlich für die Opfer sexueller Gewalt getan? Ging es denn nur darum, die eigene Institution zu schützen? Da sagen viele: Eine solche Kirche ist doch für die Tonne!

Mir hilft beim Sortieren die evangelische Theologin Dorothee Sölle. Die hat sich Ende der 1960er Jahre gefragt: Was hat die Botschaft der Bibel eigentlich denen zu sagen, die sich von der Kirche nichts mehr sagen lassen? Dorothee Sölle war eine theologische Rebellin, eine Friedensaktivistin, aber auch eine wortsensible, Gott suchende Poetin. Eines ihrer Bücher trägt den Titel „Atheistisch an Gott glauben“. Ein späterer Buchtitel heißt „Gott im Müll“. Dieses 2. Buch handelt von den Menschen, die im Müll leben. Dorothee Sölle macht deutlich, dass besonders diese Kleinen in Gottes Augen eine große Würde haben. Der Gott der Bibel hat eine Schwäche für die Schwächsten. Das macht diese alte Botschaft auch heute noch so kostbar.

Warum es wichtig ist, die eigene Geschichte zu sortieren

In einem Interview sagt die Theologin, warum wir auch als moderne Menschen diese alte Botschaft brauchen: „Ich glaube wirklich, in allen Menschen ist etwas von Gott versteckt, ist ein winziges bisschen Gott. Das kann man natürlich total zumüllen, das ist sogar sehr leicht. Und dann weiß man gar nichts mehr davon, hat damit nichts zu tun, aber es kann auch wieder aufgeweckt werden.“ Auch in der Kirche wird dieses „winzige bisschen Gott“ immer wieder zugemüllt. Darum ist es so wichtig, dass wir unsere eigene Geschichte ehrlich sortieren. Es gibt viele Altlasten. Aber es kann auch etwas in uns aufgeweckt werden, was zugemüllt war: dieses „winzige bisschen Gott“.

Wir können es auch in der Geschichte der Kirche wiederfinden. Bei Dorothee Sölle habe ich neu verstanden: Die Geschichte der Kirche ist auch eine Versagensgeschichte. Man hat die Geschichte des Christentums sogar eine „Kriminalgeschichte“ (Karlheinz Deschner) genannt. Aber durch das „winzige bisschen Gott“ wurde sie auch zu einer Befreiungsgeschichte. Die Bibel erzählt Geschichten von Menschen, die aus zu ihrer eigenen Würde finden, weil sie das „winzige bisschen Gott“ entdeckt haben. Das macht die Müllberge nicht kleiner. Aber mir persönlich hilft es beim Sortieren.


Zur Person:

  • Pfarrer Dr. Marc Röbel ist Akademiedirektor der Katholischen Akademie in Stapelfeld und des St. Antoniushauses in Vechta.
  • Sie erreichen ihn unter redaktion@om-medien.de

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