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"Gleichstellung ist bereichernd"

Vielfalt und Chancengleichheit für Frauen: Astrid Brokamp ist Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Vechta und ist der Meinung, dass die Corona-Pandemie besonders zu Lasten der Frauen geht.

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Frauen haben unter den Begleiterscheinungen der Pandemie besonders zu leiden, sagt Astrid Brokamp, Gleichstellungsbeauftragte im Landkreis Vechta. Foto: Wehring

Frauen haben unter den Begleiterscheinungen der Pandemie besonders zu leiden, sagt Astrid Brokamp, Gleichstellungsbeauftragte im Landkreis Vechta. Foto: Wehring

Schon vor Corona stand es nicht unbedingt gut um das Thema der Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen. Zu starr sind noch die Geschlechterrollen in Deutschland und vor allem in unserer Region verteilt: Der Mann ist der Macher und Ernährer, die Frau kümmert sich neben ihrem Teilzeitjob um Haushalt und Kinder. „Die Pandemie hat diesen Trend sicher noch verstärkt“, befürchtet Astrid Brokamp, Gleichstellungsbeauftragte im Landkreis Vechta, die sich durch ihre Arbeit mit der Aufgabe der Gleichberechtigung beschäftigt.

Ein aktuelles Thema, finden wir, deshalb ist sie unser „Mensch der Woche“.  Nur begrenzte Betreuung in den Kitas, Homeschooling, Kurzarbeit: Derzeit seien Frauen besonders hart getroffen, weil sie in Branchen arbeiten, die von der Pandemie lahm gelegt wurden, andererseits mehrheitlich die Last der Kinderbetreuung tragen. „Aktuell kann man von einer Doppel–, manchmal sogar von einer Dreifachbelastung sprechen“, beschreibt Astrid Brokamp die Lage vieler Frauen.

"Manchmal müssen dicke Bretter gebohrt werden, um auf die Sinnhaftigkeit ausgewogener Teilhabe aufmerksam zu machen."Astrid Brokamp, Gleichstellungsbeauftragte im Landkreis Vechta

Das Thema Gleichstellung werde gerne mal auf die lange Bank geschoben. „Gerade in Krisenzeiten“, betont die Dammerin, die ihr Amt beim Landkreis seit gut drei Jahren bekleidet. Dagegen kämpft die verheiratete Mutter von zwei Kindern (10 und 12 Jahre alt) hartnäckig an: „Manchmal müssen dicke Bretter gebohrt werden, um auf die Sinnhaftigkeit ausgewogener Teilhabe aufmerksam zu machen.“ Mit guter Perspektive, betont sie, denn niemandem werde etwas weggenommen. „Gleichstellung ist bereichernd, die Gesellschaft wird dadurch gerechter und offener“, sagt Astrid Brokamp. Chancengleichheit und Vielfalt zeigen den Weg dorthin.

Gerade die aktuelle Krise zeigt in ihren Augen: Wer vielfältiger und breiter aufgestellt ist, kann auch vielfältiger und breiter Probleme lösen. Eine Erkenntnis, die sich in einer Region mit traditionellen Rollenbildern noch nicht nachhaltig genug durchgesetzt hat.  Kampagnen, Aktionen, Ausstellungen – in Zusammenarbeit mit ihren Kolleginnen auf kommunaler Ebene versucht Astrid Brokamp regelmäßig, auf Probleme der Gleichstellung aufmerksam zu machen und Chancen und Möglichkeiten der Gleichberechtigung zu betonen.

Öffentlichkeitswirksame Aktionen im Programm

Öffentlichkeitswirksame Aktionen zum Beispiel zum Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November gehören zum Jahresprogramm des engagierten Netzwerks.  Auf Instagram ist die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises ebenso aktiv und kündigt ihre Aktionen oder die ihrer Kolleginnen an: Unter m8.chancen.gleich sind die Informationen abonnierbar.  Um auch den Nachwuchs für die Themen Geschlechtergerechtigkeit und Rollenbilder zu sensibilisieren, unterstützt Astrid Brokamp auch Kitas, Krippen oder Kindertagespflegeeinrichtungen.

Zu diesem Zweck wird zum Beispiel ein Medienkoffer verliehen, bei dessen Anwendung es unter anderem um das Thema „Klischeefreie Vielfalt“ geht.  Nach ihrem Studium an der Universität Osnabrück war die heute 44-Jährige zunächst im Sozialen Dienst der Stadt Osnabrück beschäftigt und kümmerte sich dort um die Belange von Menschen mit Behinderung. Im Jahr 2001 wechselte die gebürtige Holdorferin zum Landkreis Vechta und war zunächst im Projekt „Hilfe zur Arbeit“ und ab 2005 mehr als zehn Jahre lang als Fallmanagerin im Jobcenter in Vechta beschäftigt. Dabei kümmerte sie sich um schrittweise berufliche Integration von Menschen mit besonderen Vermittlungshemmnissen.

Hohe Dunkelziffer wird befürchtet

Von 2012 bis zu ihrem Wechsel hatte sie dabei bereits die Position der Gleichstellungsbeauftragten inne. Danach ging es zurück zum Landkreis, wo sie 2018 die Nachfolge von Ruth Voet übernahm. Seitdem setzt sie sich für Geschlechtergerechtigkeit innerhalb und außerhalb der Kreisverwaltung ein.  Häusliche Gewalt richtet sich häufig gegen Frauen – „in der Pandemie ein schwerwiegendes Problem“, sagt Astrid Brokamp. Es gebe Studien, die einen Fall-Anstieg während des Lockdowns bestätigen. „Vor allem die Dunkelziffer wird hier als sehr hoch eingeschätzt“, befürchtet sie. Gerade fehlende soziale Kontrolle habe betroffene Frauen in der langen Lockdownphase in dieser Problematik quasi handlungsunfähig gemacht.

Um auf Probleme hinzuweisen, müssen Frauen sich zeigen, findet Astrid Brokamp. Sie nennt es „Sichtbarkeit von Frauen“. Ein aktuelles Projekt soll dabei helfen: Malen, texten, bildhauen, singen - auf Instagram stellt die Gleichstellungsbeauftragte derzeit Hobby-Künstlerinnen aus dem Landkreis Vechta vor und hofft auf große Resonanz.

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