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"Give me your number"

Kolumne: Auf ein Wort – Es geht um die Sehnsucht eines kleinen Jungen und das, was im Leben wirklich zählt.

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"Give me your number", hat er zu mir gesagt. "Give me your number!". 4-mal, 5-mal. Mit klarem Blick und immer eindringlicher forderte er vor wenigen Tagen meine Handynummer. Anfangs waren noch Kolleginnen und Kollegen mit mir in diesem 8 Quadratmeter großen rechteckigen Container im Flüchtlingslager auf der traurig-berühmt gewordenen griechischen Insel Lesbos. Irgendwann stand ich diesem 12-Jährigen mit seinen weit aufgerissenen Augen als Einziger gegenüber. Hinter ihm 5 weitere Kinder.

Mit aller Kraft hat er sich an diesem Strohhalm festgehalten in der Überzeugung, dass die 5-köpfige Gruppe von Caritas international, die sich vor Ort über die Zustände im aktuellen Lager informiert hat, dass ich ihn und seine Familie aus den 4.500 Menschen, die im Moment dort leben, jetzt und unmittelbar herausholen kann.

Dort aus diesem provisorischen Camp direkt an der Küste in Sichtweite des türkischen Festlandes. Gerade mal 10 Kilometer davon entfernt. Dort, wo Menschen aus 42 Nationen dieser Erde teilweise 2 Jahre lang leben ohne Strom, ohne fließend Wasser. Die meisten in Zelten, in denen sie ihre Lebensmittel auch bei 33 Grad im Schatten aufbewahren. Wo Frauen sich fürchten, nachts alleine zur Toilette zu gehen. Wo es kaum Bäume und damit kaum Schatten und für jeweils 70 Personen nur eine Dusche gibt.

"Die Sehnsucht des 12-jährigen Jungen relativiert manches – heute am Beginn der Ferien."Dietmar Kattinger

Wo sowohl Kinder hineingeboren werden und gleichzeitig 100-Jährige leben. In "RIC Lesbos", wo die Zustände selbstverständlich weit besser sind als zuvor im Lager "Moria", das sich in das Gedächtnis vieler eingebrannt hat. Moria, ein Zeltplatz auf dem Hügel, auf dem alle Nationalitäten kunterbunt gemischt waren, wo es – wie uns griechische Caritas-Kolleginnen berichteten – jede Nacht Messerstechereien gab. Ein Ort, der schlicht die Hölle war, sagen sie.

Die Sehnsucht des 12-jährigen Jungen relativiert manches – heute am Beginn der Ferien und damit am Anfang der Sehnsuchtszeit des Sommers. Ebenso wenn, wie jetzt in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, schlichtweg alles weggespült wird. Dann wird sichtbar, was wirklich zählt im Leben. Sätze wie der des Engländers vor dem Finale: "Darauf habe ich mein ganzes Leben gewartet", oder der Wunsch, für 250.000 US-Dollar einmal ins All zu fliegen, nur um für Sekunden die Schwerelosigkeit zu erleben und einen Blick auf unseren Planeten aus dem All zu erheischen – die relativiert es allemal.


Zur Person:

  • Dietmar Kattinger ist Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Landes-Caritasverbandes in Vechta.
  • Sie erreichen den Autor per E-Mail unter redaktion@om-medien.de.

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