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Gehörlose beten mit großen Gesten

Einmal im Monat treffen sich Mitglieder des Katholischen Gehörlosenvereins Cloppenburg zum Gottesdienst. Diakon Holger Meyer ist seit 20 Jahren ihr Seelsorger.

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Gottesdienst mit Gebärden: Diakon Holger Meyer (in weiß) und der Vorsitzende des Gehörlosenvereins, Willi Thienel (links), zelebrieren den Gottesdienst für Hörgeschädigte in der Augustinus-Kirche.   Foto: Stephanie Alvarez

Gottesdienst mit Gebärden: Diakon Holger Meyer (in weiß) und der Vorsitzende des Gehörlosenvereins, Willi Thienel (links), zelebrieren den Gottesdienst für Hörgeschädigte in der Augustinus-Kirche.   Foto: Stephanie Alvarez

Es ist alles ein wenig anders an diesem Samstag in der Augustinus-Kirche in Cloppenburg. Nur neun maskierte und in ihre Winterjacken eingemummelte Gläubige lauschen Diakon und Gehörlosenseelsorger Holger Meyer – normalerweise seien es 30, die zum Gehörlosengottesdienst des Katholischen Gehörlosenvereins Cloppenburg (KGV) kommen. Meyer spricht über die deutsche Einheit und warum die Mauer gefallen ist. „Warum die Mauer pfft“, hallt seine Stimme durch die Kirche. Dabei macht er mit den Händen eine Bewegung, als ob er eine unsichtbare Wand durchbreche. Dann mimen seine Hände fallende Mauerstücke. Später geht es um Erntedank und den Heiligen Franziskus von Assisi, dessen Gedenktag am Sonntag war.

Eigentlich zelebriert ein Priester den Gottesdienst. Diesmal macht das der Gehörlosenseelsorger. Unterstützt wird er von Willi Thienel, dem 1. Vorsitzenden des 1928 gegründeten Vereins. Eine gute halbe Stunde dauert die Andacht und ist etwas kürzer als bei Hörenden. Ansonsten unterscheidet sich der Ablauf nicht. Einige Kirchgänger beten und singen mit aus­ufernden, energischen Gebärden, andere sind zurückhaltender und stiller. Im Prinzip, wie hörende Gottesdienstbesucher: Einige singen voller Inbrunst und beten laut, andere bewegen nur ihren Mund.

Gehörlosengottesdienste unter Hörenden kaum bekannt

Der Gehörlosengottesdienst und der KGV sind unter Hörenden ziemlich unbekannt. Das liegt vermutlich am mangelnden Interesse. Aber auch die Nachbarschaft bekommt nichts von der Andacht mit. Wenn sie einmal im Monat stattfindet, läuten nämlich keine Glocken. „Anders hätte das auch wenig Sinn“, erklärt Meyer. Es gehe um die Gehörlosen, und die brauchen keine Glocken. „Ich habe aber manche Kollegen, die ein Glockenbild an die Wand projizieren.“ Und das Mikrofon am Pult aufbauen. „Wir stoßen aber beim Reden immer wieder mit den Händen dagegen.“

Vor der Coronapandemie saßen die Kirchgänger im rechten Seitenschiff am kleinen Altar. Nah beieinander, damit sie sich gut sehen können. Jetzt sitzen sie mit Abstand und Maske im Mittelschiff vor dem Hauptaltar. Für den Gottesdienst bereitet Diakon Meyer immer eine Präsentation vor und projiziert Gebete, Lieder und Bilder an die Wand hinter sich. „Ich finde das am großen Altar eigentlich schöner. Die Projektionen sind größer und ich kann sie besser sehen“, erzählt Bernhard Schmunkamp nach der Andacht im Pfarrheim. Dort haben sich zwölf Leute versammelt und unterhalten sich angeregt. „Sonst kommen so 60 Leute zur Versammlung ins Pfarrheim“, erzählt der Diakon.

Nicht alle Mitglieder des Vereins sind religiös

120 Mitglieder zählt der Katholische Gehörlosenverein Cloppenburg. Nicht alle im Verein seien religiös. Und es gebe auch evangelische, orthodoxe, freikirchliche und einige muslimische Mitglieder. „Wenn wir zufällig irgendwo Gehörlose treffen, fragen wir: Kommst du aus Cloppenburg? Komm mal zum Gottesdienst“, erzählt Willi Thienel. Im Verein gehe es schließlich nicht nur um den Glauben, sondern auch um Kultur, Gleichstellung, Gemeinschaft und Kommunikation.

„Ich komme für den Gottesdienst und ein bisschen Kontakt. Unterhaltung und sich mal wiedersehen“, erzählt Elli Knemeyer. Sie ist aus Osnabrück angereist. Dort besucht sie auch den evangelischen Gehörlosengottesdienst, obwohl sie katholisch ist. „Warum nicht, es geht ja um die Gemeinschaft.“ Sie verabschiedet sich früh, um ihren Zug nach Hause zu bekommen.

Vor Corona blieben manche noch bis spät nachts im Pfarrheim, berichtet Diakon Meyer. Nach einer Stunde des Austauschs verkündet Thienel Neuigkeiten aus dem Verein und Arbeitsberichte der verschiedenen Gruppen. Die Gehörlosen treffen sich in einer Senioren-, Frauen- und Freizeitgruppe und organisieren eigenständig Ausflüge und Vorträge. Nur bei den kirchlichen Tätigkeiten sind sie nicht vollständig selbstständig.

Anders als beispielsweise in den USA gibt es in Deutschland kaum gehörlose Geistliche, berichtet Diakon Meyer. Für ein Priesteramt muss man ein wortlastiges, langes Studium bewältigen. Das sei eine Hürde für viele Gehörlose, denn die deutsche Schriftsprache ist für sie eine Fremdsprache. Ihre Muttersprache ist die Gebärdensprache, die eigene Wörter und einen eigenen Satzbau hat.

In Cloppenburg können Gehörlose und Schwerhörige theoretisch auch ohne Studium einen Gottesdienst halten, nachdem sie sich zum Wortgottesdienstleiter ausbilden lassen. Trotzdem übernehmen den Gottesdienst meist noch studierte Geistliche, die Gebärdensprache können oder vom Gehörlosenseelsorger Meyer unterstützt werden. „Früher war es bei den Gehörlosenseelsorgern so, dass sie die Gebärdensprache von irgendwem, der sie konnte, gelernt haben. Ob das so gut war?“, fragt Meyer. Er selbst hat die Gebärdensprache vor 20 Jahren in einer Art Crashkurs gelernt. Die Mitglieder des KGV sind mit ihm zufrieden. „Er macht das gut“, lacht Bernhard Schmunkamp. „Der Gottesdienst macht mich froh.“

  • Info: Der nächste Gehörlosengottesdienst findet am Samstag, 7. November, um 15 Uhr in der St.-Augustinus-Kirche in Cloppenburg, Bahnhofstraße 68, statt

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