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Gedroschen und gereizt, geschoben und gedrückt

Gästebuch: Es geht nicht ums Vergnügen und auch nicht um das Leben. Es geht um viel mehr. Skat ist ein Kartenspiel mit einem hochkomplexen Regelwerk.

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Wenn halbe Schweine wieder winken, ist die Saison der Skatbrüder und -schwestern angebrochen. Willkommen Winterzockerzeit. Da wird in den Club- und Hinterzimmern der noch überlebenden Gasthäuser des Oldenburger Münsterlandes gedroschen und gereizt, geschoben und gedrückt. Zwischendurch Grünkohl oder davor oder danach. Preisskat heißt das Zauberwort. Und da Skat keine Hexerei ist, sondern die hohe Kunst des Kartenspiels, kann man sich ausgiebigst streiten über vermeintlich banale Dinge, die aber nur dem Außenstehenden so vorkommen. Allenfalls kapieren es die Kiebitze. Aber die dürfen ja nur zuschauen und anschließend, wenn des Spielers Analyse besprochen worden ist, ihren Senf zum Skat dazugeben. („Wie kann man nur die Zehn blank spielen?“)

Was ist da schon Doppelkopf oder Bridge oder Rommé? Von Mau Mau oder Siebzehn und Vier ganz zu schweigen. Für welches Kartenspiel gibt es denn so etwas wie eine Internationale Skatordnung auf 21 Seiten mit 117 Paragrafen? Und über welches Kartenspiel wacht ein Deutsches Skatgericht und spricht das letzte Wort? In der thüringischen Kleinstadt Altenburg geht es bei den Sitzungen der Skatrichter um so wichtige Fragen wie „unrichtige Kartenzahl“, „falsches Reizen“ oder „Kartenverrat“. Wer darf geben und wer nehmen und wer kommt aus? Mit Spitze oder ohne, stille Spitze nein, Buben solo zählt zwanzig oder mehr? Contra, re und auch noch sub? Oder bock? Und was ist beim „gespaltenen Arsch“? Mit Ramsch oder ohne, Null Hand ja oder nein? Da musste einst gar ein MT-Redakteur den Hut aufsetzen und einmal um den Block.

Fragen über Fragen, die deutlich machen, es geht hier nicht ums Vergnügen und auch nicht um das Leben. Es geht um viel mehr. Skat ist ein Kartenspiel mit einem hochkomplexen Regelwerk. Und die Füchse bei Pils in Bösel, Taphorn auf dem Hook, Hofrogge am Kaminfeuer oder im Krug zum grünen Kranze kennen sich aus. Nicht bedienen: Todesurteil. Das leugnet keiner. Solche Fälle geraten auch nicht vor Gericht in Altenburg. Überreizt ist auch klar. Kostet einen Schluck und vergessen ist das Missgeschick. Oder Hand spielen. Aber 350 bis 400 Fälle sind jährlich in Altenburg zu schlichten. Und die Urteile gelten dann weltweit.

Gesetze sind einzuhalten, forderten schon die alten Römer, und was nicht genehmigungsfähig ist, kann man nicht erlauben.Otto Höffmann

Jetzt haben die Skatrichter eine harte Nuss zu knacken. Es geht um den Straftatbestand „Einsichtnahme in den letzten Stich bei Genehmigung EINES Gegenspielers“. Jenem Teil der Menschheit, der es bislang versäumt hat, die hohe Kunst des Skatspiels zu erlernen, mag sich nicht auf den ersten Blick erschließen, welche mutmaßliche Straftat gemeint ist. Wir Drescher aber wissen genau, wovon hier die Rede ist. „Kann ich den Stich nochmal sehen?“, sagt der Skatbruder, nachdem der Spieler die drei zuletzt gespielten Karten vor sich eingesammelt hat. Darf er oder darf er nicht? Das Regelwerk ist eindeutig: Paragraf 4.3.3 sagt: Jeder Spieler hat die Möglichkeit, den letzten Stich noch einmal zu sehen. Allerdings nur so lange, bis er seine nächste Karte gespielt hat.

Eigentlich klar? Oder? Was ist schon klar bei einem Regelwerk, mein Gott! Hier hatte einer der Mitspieler das Zeigen genehmigt, obwohl die nächste Karte schon lag. Das geht nicht, war sich die Mehrheit einig, gab das Spiel verloren und rief das Gericht in Altenburg an. Nun galt: Contra legem statt contra re.

Gesetze sind einzuhalten, forderten schon die alten Römer, und was nicht genehmigungsfähig ist, kann man nicht erlauben. Das sieht doch wohl jeder ein. Und so brüteten die Skatrichter tagelang, wendeten Karo und Pik, verglichen Herz und Kreuz und wägten Schell mit Grün und Eichel ab und landeten bei den Ossis und den Wessis. Denn eine gemeinsame Skatsprache hat man im wiedervereinigten Deutschland bis heute nicht gefunden, was auch immer wieder zu Klagen vor dem Skatgericht führt.

Damit haben wir hier in Südoldenburg keine Probleme. Wir spielen mit den uns bekannten französischen Karten. Soviel Internationalität darf sein. Und beim Preisskat reicht es ja schon, wenn der Einsatz wieder reinkommt. Mit dem kleinen Präsentkorb voller Meica Würstchen und Schlömers Mockturtle oder eben dem halben Schwein, das dem ersten Sieger winkt – wie es das auch immer anstellt, so auf zwei rechten oder zwei linken Beinchen.

Übrigens, der Punkt "Kann ich den Stich nochmal sehen?" wurde auf der jetzigen Sitzung des Skatgerichts nicht entschieden. In guter, wohlbekannter Gremien-Manier vertagte sich das Gericht in dieser Frage auf die nächste Sitzung. Geber, Sager, Weitersager! Hand hat allerhand.


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