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Garreler im Strafvollzug: Pfarrer mussten Charakteristiken über Verurteilte schreiben

Maria Ameskamp hat sich für den Heimatverein intensiv mit Garrelern beschäftigt, die in der Zeit von 1877 bis 1919 im Strafvollzug in Vechta eingesessen haben. Ein Überblick.

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Hatten die Aufgabe, Charakteristiken über die Verurteilten aus Garrel anzufertigen: Pfarrer Arnold Brinkmann (links, in Garrel von 1874 bis 1885) und Pfarrer Bernhard Kock (von 1885 bis 1911 in Garrel).   Foto: Gemeindechronik Garrel 1971

Hatten die Aufgabe, Charakteristiken über die Verurteilten aus Garrel anzufertigen: Pfarrer Arnold Brinkmann (links, in Garrel von 1874 bis 1885) und Pfarrer Bernhard Kock (von 1885 bis 1911 in Garrel).   Foto: Gemeindechronik Garrel 1971

Alkohol als Hauptursache für Straftaten: Eine Reise in die Vergangenheit – ins 19. und 20. Jahrhundert – zeigt, dass Garreler, die von 1877 bis 1919 im Strafvollzug in Vechta eingesessen haben, ihre Straftaten meist unter Einfluss von Hochprozentigem getätigt haben. Das ist das Ergebnis einer intensiven Recherche von Maria Ameskamp, die sich für den Heimatverein Garrel mit dem Thema beschäftigt hat. Demnach seien 39 Einlieferungen im Pfarrarchiv dokumentiert, wobei die Angaben nicht vollständig sind. Denn: In den Unterlagen werde auf Vorstrafen hingewiesen, die aber nicht hinterlegt sind. 

"Bei neun Personen, die aus Garrel eingeliefert wurden, war Alkohol die Hauptursache der Straftaten", schreibt Ameskamp in ihrem Bericht. Einige seien sogar mehrfach verurteilt worden. Darunter seien fünf Frauen gewesen. In 14 Fällen seien Garreler wegen Körperverletzung verurteilt worden – darunter auch mit Todesfolge. Weitere Delikte seien Betrug, Urkundenfälschung oder Unterschlagung, Misshandlung, Bedrohung, Beleidigung, Landfriedensbruch, Verbreitung unzüchtiger Schriften, Betteln, Trinken und Vagabundieren gewesen. 

1935 wurden zwei Garreler wegen gemeinsam verübten Mordes hingerichtet

Bei den Haftstrafen müsse man zwischen Zuchthaus, Gefängnis und Korrektionshaus unterscheiden, erklärt Ameskamp. "Das Zuchthaus war ein Gefängnis mit strafverschärfenden Haftbedingungen. Wesentlicher Bestandteil der Zuchthausstrafe war der Zwang zu körperlicher Arbeit, oft bis zur Erschöpfung, zum Beispiel beim Torfstechen."

Korrektionsanstalten seien dagegen Einrichtungen gewesen, die "Vagabunden, Trunkenbolde, Arbeitsscheue, liederliche Damen, aber auch entlassene Sträflinge aufnahmen", die darin zur Arbeit angehalten wurden und an eine geordnete Lebensführung gewöhnt werden sollten. Im Zuchthaus hätten sich die langjährig einsitzenden Insassen befunden, die intern in verschiedenen Betrieben, etwa Möbelfabrikation, Weberei oder Korbmachereien, arbeiteten. "Bis 1937 war dort auch eine Hinrichtungsstätte für zum Tod Verurteilte, die letztmalig 1935 mit der Doppel-Hinrichtung eines Paares aus Garrel genutzt wurde", weiß Ameskamp aus ihren Nachforschungen. Das Paar hatte gemeinsam einen Mord begangen.

Pfarrer mussten Charakteristiken erstellen, um Einblicke über die häusliche Situation der Verurteilten zu geben

Meldete die Oldenburgische Direktion der Strafanstalten die Einlieferungen von Straffälligen an das Offizialat, erhielten die zuständigen Pfarrer eine entsprechende Abschrift mit der Aufgabe, eine sogenannte Charakteristik der Verurteilten anzufertigen. Sie diente dazu, einen Einblick in die häusliche Situation und die Kindheit sowie Jugend der Inhaftierten zu geben. "Die vorhandenen Charakteristiken im Pfarrarchiv stammen von Pfarrer Arnold Brinkmann (in Garrel von 1874 bis 1885), Pfarrer Bernhard Kock (von 1885 bis 1911 in Garrel) und Pfarrer Bernhard Piening (von 1911 bis 1929 in Garrel)", berichtet Ameskamp.

Oft sei den Müttern, manchmal auch beiden Eltern eine Mitschuld gegeben worden, sie seien zu nachgiebig gewesen. So schreibt Pfarrer Kock den Recherchen Ameskamps zufolge beispielsweise über Johann Joseph F. (geboren 1861), der 1889 wegen Körperverletzung zu neun Monaten Gefängnis verurteilt wurde: "Den Eltern sagt man überdies nach, dass sie allzu nachsichtig gegen ihre Kinder seien. Ihre religiösen Pflichten erfüllen sämtliche Familienmitglieder kaum." 

Pfarrer Bernhard Piening: Der Geistliche war von 1911 bis 1929 in Garrel. Foto: Garreler Gemeindechronik 1972Pfarrer Bernhard Piening: Der Geistliche war von 1911 bis 1929 in Garrel. Foto: Garreler Gemeindechronik 1972

Ein weiteres Beispiel ist der 21-jährige Hermann G., der im Februar 1879 ebenfalls wegen Körperverletzung für neun Monate ins Gefängnis eingeliefert wurde. Pfarrer Brinkmann schrieb in seiner Charakteristik: "Solange der Vater lebte, stand er aber unter strenger Aufsicht, hatte er sich draußen nicht gut aufgeführt oder war er zu Hause ungehorsam gewesen, so wurde er von demselben Strange bestraft. Seine Mutter überließ die Kinder mehr sich selbst, hatte als Witwe noch ein uneheliches Kind geboren. "Besonders fand er sich regelmäßig bei öffentlichen Lustbarkeiten, bei Trinkgelagen und Tanzpartien ein und kehrte mitunter betrunken nach Hause." Und weiter: Er sei nur ein Gelegenheitstrinker gewesen, "und bei einer solchen Gelegenheit fand auch die von ihm verübte Körperverletzung statt". 


Fakten:

  • Mitte des 17. Jahrhunderts ließ der Fürstbischof von Münster, Christoph Bernhard von Galen, die Zitadelle in Vechta als Befestigung errichten. Dort wurde ein Militärgefängnis eingerichtet, das auch für zivile Personen genutzt wurde. Demnach entwickelte sich bereits nach dem 30-jährigen Krieg die heutige Kreisstadt zum größten Justizvollzugsstandort im Oldenburger Münsterland.
  • Den ausführlichen Bericht von Maria Ameskamp, der noch über weitere Schicksale von Garrelern erzählt, gibt es in der aktuellen Ausgabe des "Dörpblatts" (Nummer 71 vom Dezember 2021), herausgegeben vom Garreler Heimatverein. 

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