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Führt Putins Krieg zu Konflikten im Oldenburger Münsterland?

Der russische Angriff auf die Ukraine findet einen weltweiten Widerhall. Reißt der Überfall auch Gräben in Südoldenburg auf? Eine Spurensuche zwischen Küstenkanal und Dammer Bergen.

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Foto: dpa

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Dass die Schockwellen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine auch im Oldenburger Münsterland ankommen würden, dürfte unstrittig gewesen sein. Noch nicht klar ist aber, wie tief die – im übertragenen Sinne – Schützengräben werden, die sich in unserer Gesellschaft auftun. Denn: Auch im Oldenburger Münsterland leben Ukrainer wie Russen, daneben nicht wenige Spätaussiedler. Gibt es Konfrontationen zwischen den Gruppen? Wird die Propaganda des Kreml hier weiterverbreitet? Oder fühlen sich russischstämmige Menschen diffamiert?

Bei der Polizeiinspektion Cloppenburg/Vechta sind bisher noch nicht viele relevante Straftaten bekannt geworden. Lediglich eine Farbschmiererei an einem Rohbau in Vechta hat es gegeben. Den Wortlaut will die Pressestelle nicht in der Zeitung lesen, um den Verunglimpfungen keinen Auftrieb zu geben. Doch man wagt sich kaum zu weit aus dem Fenster, wenn man sagt, dass die Botschaft sich gegen den russischen Präsidenten richtet.

Doch das Strafrecht ist nur die Spitze des Eisberges. Vieles dürfte unter der bildlichen Wasseroberfläche bleiben. Zu berichten davon weiß Martina Wittkowski aus Cloppenburg. Sie ist Kreispfarrerin des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Oldenburger Münsterland, der die Landkreise Cloppenburg und Vechta umfasst. Im Kreis Cloppenburg machten Russlanddeutsche, je nach Gemeinde, 40 bis 70 Prozent der Kirchenmitglieder aus, erklärt sie; im Kreis Vechta deutlich weniger.

Die "Friedensbewegung Gottes"

Wittkowski ist nah dran am Puls der osteuropäischen Community in der Region. Zu Beginn des Krieges habe es vereinzelt Menschen gegeben, die entsetzt gewesen seien darüber, dass andere Gemeindeglieder den Kurs des russischen Herrschers Wladimir Putin unterstützen. Das werfe Fragen auf: „Wie gehen wir damit um, wenn diese Menschen in unserer Mitte sind, aber unter dem Einfluss russischer Propaganda stehen?“, skizziert Wittkowski die Lage.

Zuletzt habe sich aber gezeigt, dass eine „Zerrissenheit“ eher innerhalb von Familien und Freundeskreisen bestehe als in den Gemeinden. Gerade ältere Russlanddeutsche würden bekennen: „Wir sind Deutsche und wir sind gegen diesen Krieg“, so Wittkowski. Denn: Viele von ihnen hätten in der Sowjetunion unter Repression gelitten.

Schule ist eine andere Bühne

Auch wenn Wittkowski die Kirche als „Friedensbewegung Gottes“ versteht, scheut sie nicht die klare Position. Der Überfall sei ein „völkerrechtswidriger Angriffskrieg“, das habe sie im Gottesdienst benannt. Trotzdem sei es wichtig, im Gespräch zu bleiben und „den Frieden zu suchen“. Sorgen um die Einheit der Gemeinde hat Wittkowski nicht. Aber: Ob es „Verwerfungen“ gebe, könne man erst nach Auslaufen der Corona-Einschränkungen sagen.

Eine andere Bühne, auf der Menschen unterschiedlicher Herkunft aufeinandertreffen, sind die Schulen. Dass der Krieg in der Ukraine ein wichtiges Thema ist, zeigt sich auch bei einer nicht-repräsentativen Umfrage im Oldenburger Münsterland. Aber: Viele Vorfälle von Diffamierungen russischstämmiger Kinder und Jugendlicher oder aber der Einbringung von Kriegspropaganda scheint es bisher demnach nicht zu geben, wie beispielsweise die Schulleitungen des Copernicus-Gymnasiums Löningen, der kirchlichen Marienschule in Cloppenburg oder der Grundschule im zur Gemeinde Steinfeld gehörenden Mühlen auf Anfrage erklärten.

"Wir können Vielfalt"Anke Magerfleisch, Schulleiterin

An der Vechtaer Geschwister-Scholl-Oberschule (GSO) werden Kinder und Jugendliche aus 38 Nationen unterrichtet, wie Leiterin Anke Magerfleisch sagt. Wie sieht es da aus? Die Schulleiterin sagt, es habe einzelne Fälle von prorussischer Propaganda wie auch von Anfeindungen russischsprachiger Schüler gegeben. Zugleich aber, das betont sie, gebe es auch viele Fälle eines „tollen Miteinanders“ von Kindern mit russischen und mit ukrainischen Wurzeln. Daneben gebe es an der GSO auch viele andere Schülerinnen und Schüler mit Fluchterfahrungen und Traumata. Die ukrainische Flagge hissen – das will Magerfleisch nicht. Stattdessen will die Schule an vielen Stellen „Friedenszeichen“ setzen. „Wir können Vielfalt“, wiederholt die Schulleiterin.

„Schwierig“, so ist die Lage für die russisch-orthodoxe Gemeinde in Cloppenburg, wie Alexander und Nadiya Anissimow im Namen der Gemeinde erklären. Sie stammt aus der Ukraine, er aus Russland. Die Gemeinde, zu der auch orthodoxe Christen aus dem Landkreis Vechta zählen, ist nach eigenen Angaben sehr engagiert in der Flüchtlingshilfe: Man sammele Spendengüter für die Ukraine, Freiwillige engagierten sich an der polnischen Grenze, Flüchtlinge wurden in der Gemeinde und von Mitgliedern privat aufgenommen.

Auch auf der Homepage der Gemeinde findet sich ein Appell, der zu Hilfe und Solidarität mahnt. Darin heißt es, der „Schmerz, den das ukrainische Volk derzeit erleidet“, werde von den „Kindern der Russischen Orthodoxen Kirche in Deutschland“ geteilt. Das überrascht nicht, schließlich gehören auch viele Ukrainer zur russisch-orthodoxen Kirche. Was den „Schmerz“ der Ukrainer aber auslöst – nämlich der russische Angriff – oder auch das Wort Krieg werden in dem Aufruf ebenso wenig genannt wie der Name des russischen Präsidenten. Der Schmerz ist diffus, der Appell fordert Hilfe, ohne auf Frieden zu drängen.

Wo Gefahr droht, da wächst auch das Rettende

Zu den Äußerungen des Moskauer Patriarchen Kyrill, des Oberhauptes der russischen Orthodoxie, sagt das Ehepaar Anissimow nichts. Kyrill hatte ebenso nur allgemein zum Frieden gemahnt. Er gilt als Unterstützer Putins.

Einstweilen also, so scheint es, haben sich noch keine unüberwindbaren Gräben gebildet in der Gesellschaft in Südoldenburg. Der Krieg ist präsent, das schon. Aber die Zahl offener Konflikte hält sich noch in Grenzen.

Und: Wo Gefahr droht, da wächst auch das Rettende, weiß Elke Möhlmann zu berichten. Sie leitet die Mühlener St. Antonius-Grundschule. Am Mittwoch hatte sie ein Gespräch mit ukrainischen Müttern, deren Kinder nun in Mühlen zur Schule gehen sollen. Der ausdrückliche Wunsch der Frauen: Die Kinder aus russischsprachigen Spätaussiedler-Familien mögen ihre ukrainischen Kinder an die Hand nehmen und ihnen bei ihren ersten Schritten in Deutschland als Paten zur Seite stehen.

OM-hilft -  Helfen Sie mit! Das Oldenburger Münsterland hilft den Geflüchteten aus der Ukraine. Hilfsinitiativen, Wohlfahrtsorganisationen und viele mittelständische Unternehmen sind bereits dabei, die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Und auch Sie können sich beteiligen. Wie und Wo? Das sagt Ihnen  die Webseite om- hilft.org

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