Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Führe uns nicht in Versuchung

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Was das Geheimnis Gottes mit einer Chipstüte gemeinsam hat? Die Chipstüte zeigt mir, dass Versuchung zuerst eine Sache dessen ist, der sich versucht fühlt.

Artikel teilen:

„Führe uns nicht in Versuchung!“ Diese Vater-Unser-Bitte ist den Kirchen heute eher unangenehm, selbst der Papst meint, man solle sie ändern. Ich finde diese Bitte allerdings durchaus sinnvoll. Vielleicht sollten wir, ehe wir das Geheimnis Gottes enträtseln wollen, erst das nicht besonders geheime Wesen der Versuchung bedenken. Also denke ich erst einmal an eine Tüte Chips. Die liegt im Schrank. Sie tut nichts. Sie will nichts. Sie unternimmt nichts, um mich zu verführen. Aber allein, weil sie da ist und ich um sie weiß, führt sie mich in Versuchung! Und oft genug kann ich nicht widerstehen.

Nun will ich nicht das unfassbare Geheimnis Gottes mit einer Chipstüte vergleichen. Aber die Chipstüte zeigt mir, dass Versuchung zuerst eine Sache dessen ist, der sich versucht fühlt. Chips oder Schokolade sind kleine Versuchungen. Aber Gott, oder genauer: Der Glaube an Gott, der Glaube an eine letzte Wahrheit und einen endgültigen Sinn, ist eine große Kostbarkeit – und eine große Versuchung, eine doppelte sogar.

Fanatismus können wir die erste Versuchung nennen, die Versuchung, sich selbst mit Gott und seiner Wahrheit zu identifizieren. „Gott und ich wissen, was zu tun ist!“ Mein immer beschränkter Horizont wird zum Himmel Gottes erklärt. Religiöse Fanatiker aus allen Religionen gingen darum über Leichen.

Die andere Versuchung, wir können sie Fatalismus nennen, ist geradezu das Gegenteil: „Wenn der liebe Gott die Welt anders haben will, dann soll er sie ändern – ich bin ja nur ein kleiner Mensch!“

"Auch politisch gibt es die, die sich im Besitz der alleinigen Wahrheit glauben ..."Heinrich Dickerhoff

Diese doppelte Versuchung ist kein nur religiöses Problem. Ähnlich versuchend wie der Gottesglaube ist jede „große Weltdeutung“. Auch politisch gibt es die, die sich im Besitz der alleinigen Wahrheit glauben – dabei setzt Demokratie die Einsicht voraus, dass auch „die anderen“ Recht haben könnten. Und es gibt die, die wissen, das „man nichts machen kann“ und auf „die da oben“ schimpfen, ohne nach der eigenen Verantwortung zu fragen.

Auch in der ganz persönlichen Lebenshaltung gibt es beide Versuchungen. „Ich bin für alles verantwortlich!“, darum weiß ich genau, was für andere gut ist und muss sie zu ihrem Glück zwingen. Oder „ich bin für nichts verantwortlich“, andere haben dafür zu sorgen, dass ich glücklich bin. Ich bin nicht alles, nicht der Retter der Welt. Das wäre Größenwahn und Überforderung. Ich bin aber auch nicht nichts, das wäre verantwortungslos und eine Selbstentwertung.

Ich muss immer wieder herausfinden, wo meine Verantwortung beginnt – und wo sie endet. Aber in jedem Fall kann ich die Welt um mich herum ab und an ein wenig heller machen. Das ist doch schon etwas.


Zur Person:

  • Heinrich Dickerhoff ist Akademiedirektor in Rente, Hausmann und arbeitet als freiberuflicher Dozent. Er wohnt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter: redaktion@om-medien.de.

Sie wollen nichts verpassen, worüber das Oldenburger Münsterland spricht? Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter „Moin, OM!“. Er fasst für Sie das Wichtigste für den Tag auf einen Blick zusammen – immer montags bis freitags zum Start in den Tag.  Hier geht es zur Anmeldung

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Führe uns nicht in Versuchung - OM online