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Friesoyther Pestschinken ein Sahnestück in Wittenberger Sonderausstellung

Kurator Mirko Gutjahr machte sich selbst auf den Weg, um das kuriose Relikt abzuholen, das erstmals auf Reisen ging. Der Sage nach fuhr die Seuche in den Schinken, der deshalb unverweslich blieb.

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Der Friesoyther Pestschinken: Weil in ihn die Seuche gefahren sein soll, ist er der Sage nach unverweslich geworden. Foto: Archiv OM Online

Der Friesoyther Pestschinken: Weil in ihn die Seuche gefahren sein soll, ist er der Sage nach unverweslich geworden. Foto: Archiv OM Online

Sein Fleisch vertrocknet, Fett und Schwarte steinhart, am Knochen hängt eine Schnur. Er misst 58 Zentimeter und an seiner schwarz-braunen Hülle haftet schon längst kein Aroma mehr. In den vergangenen 350 Jahren hat der Friesoyther Pestschinken die Stadt noch nie verlassen. Jetzt ist er jedoch erstmals auf Reisen gegangen, weckt als „kurioses“ Exponat bundesweites Medieninteresse und wurde von einer großen Boulevard-Zeitung bereits als „Biontech des 17. Jahrhunderts“ bezeichnet.

„Pest – eine Seuche verändert die Welt“ heißt die Sonderausstellung im Augusteum Wittenberg, die in der vergangenen Woche eröffnet wurde. „Auch wenn der letzte Ausbruch auf europäischem Boden schon 3 Jahrhunderte zurückliegt, ist sie bis heute gegenwärtig und taucht in jedem Mittelalterroman auf“, heißt es auf dem Informations-Flyer des Museums, in dem Kurator Mirko Gutjahr insgesamt 130 Objekte zusammengestellt hat, darunter die Leihgabe des Friesoyther Heimatvereins.

Was die Skurrilität angeht, „ist er in unserer Ausstellung nicht mehr steigerbar“, betonte Gutjahr, der nur durch einen Zufall von der Existenz des Schinkens gehört hatte. Danach habe für ihn festgestanden: „Den brauchen wir unbedingt.“ Gutjahr nahm selbst die weite Fahrt nach Friesoythe auf sich, um das Stück abzuholen. Auf dem Rückweg warf der Archäologe und Historiker den Blick dann doch häufiger auf die gepolsterte Klimakiste. „Schließlich hat es auch geheißen, dass der Pestschinken verschwindet, sollte er von seinem angestammten Platz entfernt werden“, erklärt er schmunzelnd.

Gruß aus Friesoythe: Zu den Sehenswürdigkeiten neben Kirche und dem Friesoyther Stadttor als Wahrzeichen zählte auch der Pestschinken auf Postkarten. Foto: Archiv Wolfgang LetzelGruß aus Friesoythe: Zu den Sehenswürdigkeiten neben Kirche und dem Friesoyther Stadttor als Wahrzeichen zählte auch der Pestschinken auf Postkarten. Foto: Archiv Wolfgang Letzel

Der Sage nach steckt im Schinken die Pest. Als blaue Wolke war sie in die Stadt geströmt und hatte vielen den „Schwarzen Tod" gebracht. Dann war sie jedoch in den Schinken gefahren und wurde dort gebannt. Das dadurch unverweslich gewordene Stück Fleisch im Hause Wreesmann wechselte nach neuen Besitzverhältnissen auf einen Hof nach Schwaneburg und drohte nach dem Tod des Gutsbesitzers Dietrich Windberg, der das Wreesmann-Haus erbte, Anfang der 60er Jahre „als Unrat vernichtet zu werden“, wie Heimatforscher Ferdinand Cloppenburg informierte.

Vor diesem Schicksal letztlich doch bewahrt, gelangte der Schinken stattdessen in die Obhut des Heimatvereins, der auch sein Alter durch eine Laboranalyse einordnen ließ. „Bolle so olt as use Stadt“, wie vom Friesoyther Oberpostmeister Fritz Bitter berichtet, der die Geschichte als Kind erzählt bekam, ist er danach wohl nicht, auch wenn die Jahreszahl 1350 nach wie vor auf dem Holzbrett eingraviert ist, auf dem sich das museale Relikt präsentiert.

An die vom Beamten in früheren Festreden zum Besten gegebene Version erinnert Alexander Reuter in seiner zum Buch gebundenen Masterarbeit, doch der Zeitraum 1640 bis 1670 sei laut der in Auftrag gegebenen wissenschaftlichen Analyse wahrscheinlicher als 1350. Mit der Sage, ihren 5 verschiedenen Aufzeichnungen und ihrem Bedeutungswandel hat sich Reuter, in Friesoythe geboren und aufgewachsen, zum Abschluss seines Studiums im Bereich Kulturwissenschaften, Erziehungs- und Bildungswissenschaften in Bremen beschäftigt. Seiner Auffassung nach lieferte die Sage eine „glaubhafte Erklärung für das damals medizinisch Unerklärliche". Durch die privilegierte Platzierung des Schinkens als Erbstück auf dem Hof einer einflussreichen Familie „wurde er prominent“ und die Geschichte verbreitete sich auch über die Stadt hinaus.

Schinken vor dem Einzug ins Rathaus in der Marienschule

Nach dem Erwerb durch den Heimatverein fand der Pestschinken lange in der Marienschule eine Bleibe, bevor er 2008 ins Rathaus einzog. Er rangierte hinter dem Friesoyther Stadttor zeitweise als inoffizielles Wahrzeichen, die Sage war Thema im Unterricht sowie in Gedichten und nicht zuletzt auf Postkarten war er ebenfalls zu sehen. Allerdings nur kurz, „da das für die Leute wohl nicht das ansprechendste Motiv war“, vermutete Wolfgang Letzel, Leiter des Postgeschichtlichen Museums.

In Wittenberg reiht sich der Pestschinken nun in spannende Exponate wie ein Kanonenrohr ein, mit dessen Schall man die in Wellen auftretende Seuche vertreiben wollte. Außergewöhnlich auch ein „Schluckzettel“ mit einem Heiligen oder einem Gebet darauf. Wer ihn sich einverleibte, sollte geschützt sein, lautete eine weitere vorwissenschaftliche Erklärung der Menschen. Bis Februar läuft die Ausstellung noch in der Lutherstadt, dann kehrt auch der Friesoyther Schinken zurück, der bis dahin als Sahnestück die Besucher beeindruckt.

  • Info: Die jüngste Veröffentlichung über den Friesoyther Pestschinken stammt von Alexander Reuter. Zusammen mit dem Waxmann-Verlag veröffentlicht er seine Masterarbeit als Buch „Dei Pestschinken is bolle so olt as use Stadt“.

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