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Friesoyther Bürgermeister hält Schließung der Geburtshilfe für "absoluten Fehler"

Sven Stratmann kritisierte in seiner Stellungnahme auch die Art und Weise der Kommunikation seitens der Geschäftsführung und des Aufsichtsrates. Es habe keine Chance mehr auf einen Austausch gegeben.

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"Freudiges Ereignis": Im Friesoyther Krankenhaus nur noch wenige Wochen zu erleben. Foto: dpa/ Fabian Strauch

"Freudiges Ereignis": Im Friesoyther Krankenhaus nur noch wenige Wochen zu erleben. Foto: dpa/ Fabian Strauch

„Traurig und sehr schade“, „nicht zu fassen“, „das geht doch nicht“: Nur einige von zahlreichen Reaktionen in den sozialen Medien und auf der Straße, die mit der angekündigten Schließung der Geburtshilfe am Friesoyther St.-Marien Hospital verbunden sind.

Wie berichtet, hat die Geschäftsführung das Aus zum 31. Oktober mitgeteilt. Als maßgeblicher Grund wird Fachkräftemangel angegeben. Darüber hinaus seien die strukturellen und organisatorischen Anforderungen an ein vergleichsweise kleines Haus wie Friesoythe zu hoch.

Für „einen absoluten Fehler insbesondere in der Außenwirkung des Krankenhauses“ hält Bürgermeister Sven Stratmann die Schließung. Als Verwaltungschef der Standortkommune werbe er gerne mit dem Prädikat, „eine der jüngsten Städte Deutschlands zu sein, und jetzt wird über Nacht eine der Stärken dieses Prädikats abgeschafft“. Offenbar, weil Aufsichtsrat und Geschäftsführung scheinbar schon länger die Schließung der Abteilung des Friesoyther Krankenhauses vereinbart hätten, die über einen sehr guten Ruf verfüge.

Breite Öffentlichkeit nur kurze Zeit später informiert

„Sehr befremdlich“ empfindet Stratmann die Art und Weise der Kommunikation seitens der Geschäftsführung gegenüber Verwaltung und Politik in Friesoythe. So sei er am Montag gegen 8.30 Uhr über das Aus in Kenntnis gesetzt worden. Um 12 Uhr habe die Krankenhaus-Führung bereits eine Pressekonferenz einberufen, mit der die breite Öffentlichkeit informiert wurde. „Wir hatten somit keine Chance, noch in den Austausch zu treten, um vielleicht noch gemeinsam nach anderen Wegen (Fachkräftegewinnung) suchen zu können“, kritisiert Stratmann.

Diese Art des Umgangs sei für ihn sehr bedauerlich und eine Kommunikation auf partnerschaftlicher Augenhöhe sieht aus seiner Sicht anders aus. „Vor allem vor dem Hintergrund, dass wir seit mehreren Jahren mit der Geschäftsführung im engen Austausch bezüglich einer städtischen Förderung für den geplanten Ausbau stehen“, so der Bürgermeister weiter.

Er werde nun kurzfristig die Verwaltungsspitzen der Nordkreiskommunen (einschließlich der Gemeinde Garrel) zum Austauschgespräch einladen, um gemeinsam das weitere Vorgehen zu beraten.

"Die Wege werden jetzt für manche Eltern aus dem Nordkreis zu weit."Fridtjof Heidorn, Kinderarzt aus Bösel

Kritische Töne äußert auch Kinderarzt Fridtjof Heidorn. „Die Wege werden jetzt für manche Eltern aus dem Nordkreis zu weit“, kommentiert der Böseler Mediziner die Auflösung der Entbindungsstation. Cloppenburg, Oldenburg, Sögel, Leer, Westerstede oder Vechta lauten ab November die neuen Ziele werdender Mütter aus Friesoythe, Bösel, Saterland und Barßel. 40 Minuten Fahrzeit werden laut Rahmenbedingungen zumindest auf dem Papier als zumutbar angesetzt, da die Abteilung nicht zur Grund- und Regelversorgung gehört.

Dass sie auch durch das Raster der sogenannten Sicherstellungszuschläge fällt, beanstandet der Mediziner ebenfalls. Die Vereinbarung, getroffen für Kliniken mit geringeren Fallzahlen, gilt jedoch nur für die Fachabteilungen Innere Medizin und Chirurgie „und nicht für den Bereich der Frauenheilkunde“, so Heidorn, der es nicht zuletzt für kontraproduktiv hält, „dass sich Hebammen mit Unsummen versichern müssten“.

Laut einer Studie des Deutschen Krankenhaus-Instituts in Düsseldorf haben 48 Prozent der Kliniken Probleme, offene Stellen im Bereich der festangestellten Hebammen zu besetzen, 2014 waren es noch 20 Prozent. Als Grund für den Fachkräftemangel führt Bernd Wessels, Friesoyther Krankenhaus-Geschäftsführer, unter anderem die differenzierte Fachweiterbildung in der Gynäkologie an.

"Allrounder" wie vor 10 Jahren gibt es nicht mehr

„Allrounder“ wie noch vor 10 Jahren gebe es nicht mehr. Dazu gehörte am Marien-Hospital viele Jahre auch Dr. Günter Meschede, den die Geschäftsführung als erfahrenen Gynäkologen in die Entscheidungsfindung einbezogen hatte.

Im Einklang mit seinen an der Klinik praktizierenden Kollegen hält er „den Betrieb einer kleinen geburtshilflichen Abteilung wie in Friesoythe unter heutigen Bedingungen aus medizinischer Sicht nicht für unumstritten“.

Aufzuhalten sei die Friesoyther Schließung ohnehin nicht mehr, zeigt sich Fridtjof Heidorn überzeugt, doch er fordert unter anderem seine Patientinnen dazu auf, ihre Stimme zu erheben und auf das Dilemma aufmerksam zu machen. Beispielsweise in Form einer Unterschriftenaktion, mit der sich die Unterzeichner für eine wohnortnahe Entbindungsmöglichkeit einsetzten. Auch die Hebammen haben eine gemeinsame Stellungnahme angekündigt.

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