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Frieren für den guten Zweck

Meine Woche: Der Gang ins eiskalte Badezimmer ist ziemlich erfrischend. Die Entscheidung, nicht zu heizen: Über das Verlassen der Komfortzone und das Austricksen eines unliebsamen Eindringlings.

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Der Gang ins eiskalte Badezimmer erfrischt frühmorgens für den ganzen Tag. Der Gatte und ich haben nämlich beschlossen: Wir heizen nicht.

Heute bleibt die Küche kalt, das bedeutete früher: Es wird nicht gekocht. Jetzt bedeutet es: Frühstücken bei 18 Grad. Man gewöhnt sich an alles. Und überhaupt, wie war das mit der Komfortzone, die wir endlich mal verlassen sollen?

Ich denke in diesen Tagen häufiger an das alte Haus, in dem meine Freundin früher wohnte. Im Bad nur ein Heizlüfter, den anzuschalten sich aber nicht lohnte. War das Bad einigermaßen warm, war das morgendliche Duschen bereits erfolgreich beendet. Also blieb der Lüfter aus.

Unsere Eltern hatten den Zweiten Weltkrieg noch erlebt, das führte zu so manchem Tabu. Energiesparen gehörte nicht dazu, wohl aber Lebensmittel wertschätzen. Meine Mutter zwang sich auch noch die Essensreste von uns Kindern rein. Lieber den Magen verrenken, als dem Wirt was schenken.

"Eine aufgedrehte Heizung im Damenklo hat neulich fast dazu geführt, dass ich eine Fahndung nach der Schuldigen herausgegeben hätte."Karin Heinrich

Eine solche Sozialisierung prägt auch die Nachfolgegeneration. Der Ehemann und ich werfen so gut wie nie etwas Essbares weg. Sehen, Riechen, Schmecken – was alle drei Prüfungen besteht, wird gegessen. Das erklärt vielleicht auch unser Faible für Schimmelkäse. Dem merkt man nicht an, wenn er schlecht geworden ist.

Doch zurück zum Heizen. Da darf es gern deutlich weniger sein. Der Herbst meint es bisher gut mit uns, indem er zumindest tagsüber erträgliche Temperaturen beschert. Und abends auf dem Sofa sorgen Decke und Wärmflasche für Behaglichkeit. Ein Gläschen Rotwein heizt zusätzlich von innen. Wenn es ganz dicke kommt, wird eine Zimtstange hineingeworfen und Glühwein draus gemacht.

Einen winzigen Raum heizen, in dem man sich nur Sekunden aufhält?

Damit es nicht zu gemütlich wird, herrscht auch noch fröhlicher Durchzug im Haus, schließlich soll die nasse Wäsche auf dem Ständer nicht zu Schimmelbefall in den Wänden führen. Herbst und Winter sind nichts für Warmduscher, so viel steht fest.

Entsprechend ungehalten reagiere ich, wenn andere Leute öffentlich weicheiern. Eine aufgedrehte Heizung im Damenklo hat neulich fast dazu geführt, dass ich eine Fahndung nach der Schuldigen herausgegeben hätte. Einen winzigen Raum heizen, in dem man sich nur Sekunden aufhält? Die Rechnung mag zwar der Arbeitgeber zahlen, aber wir alle zahlen sie, wenn sinnlose Heizerei eine Gasmangellage verursacht.

„Arschkalt ist das hier, ich geh’ lieber zu den Nachbarn“

Wenn Sie nun denken, ich sei ein überaus vernünftiger Mensch, dann haben Sie zu 50 Prozent recht. Die anderen 50 Prozent sind Panik – die Nosferatu-Spinne ist im Anmarsch! Dieses Wesen aus dem Mittelmeerraum hat meine schon überwunden geglaubte Arachnophobie wiederbelebt. Und: Es liebt warme Wohnungen.

Bei uns zumindest soll dieser Plan nicht aufgehen, auch wenn das bedeutet, dass Eiszapfen von der Decke hängen müssen. Nosferatu muss sofort die Einsicht kommen: „Arschkalt ist das hier, ich geh’ lieber zu den Nachbarn.“

Wenn die Abende also noch kälter werden und wir im Wohnzimmer unseren Atem sehen können, dann schauen wir uns unter eingefrorenen Wimpern an, der Ehemann und ich, und sind mit uns im Reinen: Wir frieren gern für den guten Zweck.


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