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Freiwillige Paten holen Schüler aus dem Lern-Lockdown

Statt einsamer Hausaufgaben wieder kleine Treffen in einer Gruppe am Nachmittag: Der Verein "Pfiffikus" macht's möglich. Und die ersten Schulen aus Cloppenburg und Lastrup ziehen mit.

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Letzter Blick in die Verträge:  Günter Malcharek (Mitte) und die Jugendlichen unterzeichnen eine Selbstverpflichtung. Links Schulsozialarbeiter Matthias Anneken. Foto: Kreke

Letzter Blick in die Verträge:  Günter Malcharek (Mitte) und die Jugendlichen unterzeichnen eine Selbstverpflichtung. Links Schulsozialarbeiter Matthias Anneken. Foto: Kreke

Mit 70 kehrt Günter Malcharek zurück in die Schule, freiwillig am Nachmittag. Der 2015  pensionierte Pädagoge ist einer von 7 Paten, die ab sofort Oberschüler in kleinen Gruppen aus dem Lern-Lockdown holen.  Auf Vermittlung des Jugendfördervereins "Pfiffikus"  trat Malcharek am Montag seinen Dienst dort an, wo er ihn beendet hatte: in der Marienschule Cloppenburg. "Auch von einem 70-Jährigen kann man noch was lernen", sagt er selbstbewusst.

"Da geht's darum, den Schülern erst einmal wieder emotionale Stabilität zu geben. Individuelle Lernförderung haben wir selbst genug an der Schule."Simone Hegger-Flatken, Rektorin Marienoberschule

Seine ehemalige Chefin vertraut ihm, nicht nur, was den Lehrplan angeht. "Nach 6 Monaten Distanzlernen fehlt den Jugendlichen einfach die Struktur", sagt Simone Hegger-Flatken: "Da geht's darum, den Schülern erst einmal wieder emotionale Stabilität zu geben. Individuelle Lernförderung haben wir selbst genug an der Schule." Nach dem langen Verzicht auf ihre Freunde sind die Kinder und Jugendlichen  ausgehungert nach Kontakten und Austausch. "Dass Schüler die Schule vermisst haben und jetzt richtig froh sind, dass es wieder losgeht, hätte ich mir vor anderthalb  Jahren  nicht vorstellen können", sagt die Rektorin.

Die Lücke hat "Pfiffikus" erkannt und gehandelt. Der von Herbert Feldkamp gegründete Verein hat zusammen mit der Cloppenburger Ehrenamtsagentur zur Aktion "Lernen Plus" aufgerufen: Freiwillige Paten betreuen unter Hygieneauflagen am Nachmittag  Kleingruppen an der Oberschule, schließen Wissenslücken und sorgen für eine Rückkehr zum langen vermissten sozialen Miteinander. Die Distanz ist an der Marienschule teilweise besonders groß, weil  ihr Einzugsgebiet sogar über den Landkreis hinausreicht. So haben sich teilweise Freunde aus Großenkneten, Hemmelte oder Löningen fast ein Jahr lang nicht gesehen, berichtet Schulsozialarbeiter Matthias Anneken.

Pate und Jugendliche schließen schriftlich Vertrag

Neben der katholischen Marienschule beteiligen sich bisher die Wallschule in Cloppenburg und demnächst die Grundschule in Lastrup an dem Projekt. Wie's praktisch funktioniert, demonstrierte Günter Malcharek gestern: Mit den 5 Jugendlichen der Klasse 7 schloss er einen "Vertrag", auf den der Verein großen Wert legt. "Das hat eine hohe Symbolkraft", unterstreicht Feldkamp: Die Schüler verpflichten sich per Unterschrift freiwillig zu Pünktlichkeit, zu korrektem Umgang miteinander und erklären kurz ihre persönlichen Ziele. Der Pate verpflichtet sich im Gegenzug, bei allen schulischen und persönlichen Fragen als Ansprechpartner bereitzustehen - auf Wunsch auch vertraulich. Auch die Eltern unterschreiben. 

Rundgang mit Abstand: Pfiffikus-Vorsitzender Herbert Feldkamp (links) mit Schulsozialarbeiter Matthias Anneken und Rektorin Simone Hegger-Flatken. Foto: KrekeRundgang mit Abstand: "Pfiffikus"-Vorsitzender Herbert Feldkamp (links) mit Schulsozialarbeiter Matthias Anneken und Rektorin Simone Hegger-Flatken. Foto: Kreke

Für Feldkamp ist das ein Akt des gegenseitigen Respekts. "Die Basis unserer Arbeit ist es, jungen Menschen Wertschätzung zu geben, nicht nur für uns, für diese Gesellschaft", sagt der Designer und Goldschmied. "Ich bin zwar kein  Pädagoge, dafür brauchen wir die Schulen und ein starkes Team hinter uns." Die Ziele reichen über den Nachmittagstreff hinaus. Denn "Pfiffikus" bietet allen Teilnehmern die Möglichkeit, ab Klasse 8 nahtlos in das Anschlussprojekt "Jobs für Jugendliche" zu wechseln, das nach den Sommerferien und der Corona-Zwangspause wieder durchstarten soll. Dann begleiten Paten die Jugendlichen weiter bis zur Berufswahl und ihrer ersten Stelle.

Schüler erhalten Begleitung bis zur Berufswahl

Die Rektorin ist froh über die Fortführung: "Das ist nachhaltig", sagt Hegger-Flatken. Zusammen mit dem Sozialarbeiter hat sie schon vor 4 Jahren Schüler in  "Jobs für Jugendliche" vermittelt und den Erfolg gesehen. Anneken ist noch heute begeistert: "Das war zwar auch eine gewisse Mehrarbeit", räumt er ein, aber "das war wirklich klasse, wie Schüler da aufgeblüht sind". Das Konzept: Mit Talent-Analysen sucht der Verein die persönlichen Stärken jedes Teilnehmers. Workshops, in denen Gemeinschaftsaufgaben spielerisch gelöst werden, sollen das Selbstwertgefühl und den Zusammenhalt stärken.

Feldkamp legte mit der Bestärkung schon am Montag in der Kleingruppe los: "Ihr seid die Guten, weil ihr euch engagiert, um einen guten Abschluss zu erreichen", sagte der Cloppenburger den 5 Jungs im Alter von 12 und 13 Jahren. 

Paten für weitere Schulen sind hochwillkommen

Ob das Projekt auf weitere Schulen ausgedehnt werden kann, hängt von der Zahl der Paten ab. Interessierte können sich an die Ehrenamtsagentur oder direkt an Herbert Feldkamp wenden. Die Marienschule ist inzwischen gut versorgt, denn neben Günter Malcharek hat sich Mechthild Antons gemeldet, noch eine ehemalige Lehrerin der Schule. Die Rektorin freut's, dass der Zusammenhalt offensichtlich über die Pensionierung hinausreicht. Auch wenn Feldkamp betont: "Es dürfen sich nicht nur Lehrer melden."

Infos und Kontakt: www.ehrenamtsagentur.org; Telefon 04471/850432, E-Mail: info@ehrenamtsagentur.de; Herbert Feldkamp. Telefon. 04471/5409.

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