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Freie Fahrt für freie Bürger

Kolumne: Das Leben als Ernstfall – Warum wir ein Recht darauf haben, Lärm zu machen, die Umwelt zu verpesten und dafür zu demonstrieren.

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Kennen Sie diesen Slogan noch? Im Jahr 1973 hat ihn der damalige ADAC-Präsident Franz Stadler in einer Kampagne gegen den Feldversuch mit Tempo 100 auf Autobahnen verwendet: „Freie Bürger fordern freie Fahrt.“ Kam Ihnen das auch in den Sinn, als Sie die Schlagzeile von diesem Montag gelesen haben? „Für Biker ist die Freiheit nicht verhandelbar.“ Sie entstand nach einer beeindruckenden Demo mit rund 8.000 Motorradfahrern auf dem Stoppelmarkt und einer anschließenden Sternfahrt, die für erhebliche Verkehrsbehinderungen gesorgt hat. Die Biker pochen auf ihr Recht, mit ihren heißen Öfen zu fahren, wo und wann sie wollen und so laut, wie sie es für angemessen halten.

Der Bundesrat hatte im vergangenen Jahr die Bundesregierung dazu aufgefordert, auf eine Drosselung der Lärmbelästigung durch Motorräder in der EU zu drängen auf maximal 80 Dezibel für alle Neufahrzeuge und das so genannte Sound-Design, das vom Fahrer eingestellt werden kann, damit es besonders geil und laut klingt, zu verbieten. Fahrverbote auf bestimmten Strecken sollen an Sonn- und Feiertagen möglich sein. „Wenn man uns das Motorrad nimmt, dann nimmt man uns ein Stück von unserem Leben, ein Stück unserer Freiheit, ein Stück unserer Seele“, wird der Präsident des veranstaltenden Motorradclubs zitiert.

"Gerade nach den Corona-Einschränkungen sollten wir für unser verfassungsrechtlich höchstes Gut kämpfen und es endlich wieder knattern – pardon: krachen! – lassen."Stefan Freiwald

Ja, Freiheit, die ich meine! Gerade nach den Corona-Einschränkungen sollten wir für unser verfassungsrechtlich höchstes Gut kämpfen und es endlich wieder knattern – pardon: krachen! – lassen. Klimawandel, Lärmbelästigung, Staus? Was sind diese Phänomene schon gegen unsere persönliche Freiheit? Dafür müssen andere dann schon mal leiden: in diesem Fall die Menschen, die zufällig an den schönsten Motorradstrecken Deutschlands leben und die Natur drumherum.

Drauf gepfiffen! Und kost‘ Benzin auch drei Mark zehn… Wir möchten auch weiter die Freiheit in Anspruch nehmen, durch unsere geliebte Große Straße in Vechta mit dem Auto oder dem Moped zu fahren, um nach dem Rechten zu sehen, zu posen und mit unseren tiefergelegten Karossen zu röhren wie ein Hirsch in lauer Sommernacht, der sein Revier markiert.

"Was ist eigentlich mit der Freiheit derer, die unter den Folgen leiden müssen?"Stefan Freiwald

Wir wollen auch unsere Freiheit behalten, bei Meckes vorzufahren und uns den Bauch mit ungesundem Essen vollzuschlagen, damit die Krankenkassen zu belasten und auf der nächsten Autobahnauffahrt den nicht unerheblichen Abfall aus dem Fenster zu entsorgen. Den Müll machen ein paar Ein-Euro-Jobber wieder weg. Die müssen auch beschäftigt werden. Wozu bezahlen wir eigentlich so viel Steuern? Außerdem kurbeln wir die Wirtschaft an mit unserem zügellosen Konsum. Und warum packen die bei Meckes immer alles doppelt und dreifach ein?

Wir möchten weiterhin von Bremen nach Frankfurt mit dem Flugzeug fliegen, auf einen schnellen Äppelwoi zum Beispiel. Auch das ist Teil unserer Freiheit, die über den Wolken bekanntlich grenzenlos ist. Was wusste Sänger Reinhard Mey in den Siebzigern schon vom Treibhauseffekt? Die Freiheit lassen wir uns nicht verbieten, nicht mal von Frau Baerbock.

Ganz davon abgesehen, dass niemand in Deutschland vor hat, Fast Food, das Fliegen und das Motorradfahren an sich zu verbieten: Was ist eigentlich mit der Freiheit derer, die unter den Folgen leiden müssen? „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“, hat die Politikerin Rosa Luxemburg gesagt. Die war zwar Sozialistin, was sie hierzulande verdächtig macht. Recht hatte sie mit dem Satz aber allemal. Ich darf nicht die Freiheit meiner Mitmenschen einschränken oder gefährden. Also, jeder darf Motorrad fahren, aber etwas leiser, vielleicht ja sogar stylisch mit E-Antrieb, einfach ein bisschen rücksichtsvoller. Ist das so schlimm? Und wer ohnehin immer rücksichtsvoll und nicht lauter als nötig fährt, der hat auch weiter nichts zu befürchten. Gib Gummi!


Zur Person:

  • Stefan Freiwald hat ein Büro für Journalismus, PR und Marketing in Vechta. Er lebt mit seiner Familie in Oythe.

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