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Förderschule hält Andenken an Sophie Scholl wach

Die Auseinandersetzung mit der wohl bekanntesten Widerstandskämpferin hört nicht auf. Schulleiterin Anne-Katrin Oltmanns sieht in ihr vor allem ein Vorbild für Toleranz und Mitmenschlichkeit.

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Schlüsselszene: Die Geschichte von Sophie Scholl und der Weißen Rose wurde mehrfach verfilmt. Hier eine Szene aus "Sophie Scholl - Die letzten Tage". Foto: dpa | X-Verleih

Schlüsselszene: Die Geschichte von Sophie Scholl und der Weißen Rose wurde mehrfach verfilmt. Hier eine Szene aus "Sophie Scholl - Die letzten Tage". Foto: dpa | X-Verleih

Am 9. Mai wäre Sophie Scholl 100 Jahre alt geworden. Die junge Studentin, die 1943 wegen des Verteilens von Flugblättern hingerichtet wurde, gilt als Ikone des Widerstandes gegen die NS-Terrorherrschaft. Unter den zahlreichen Schulen im Land, die ihren Namen tragen, ist auch die Tagesbildungsstätte des Caritas-Vereins Altenoythe mit einem eigenen Standort in Lastrup.  

Für Schulleiterin Anne-Katrin Oltmanns ist die Widerstandskämpferin heute mehr denn je ein Vorbild. „Sie war eine sehr starke Persönlichkeit, die sich nicht von ihren Überzeugungen hat abbringen lassen“, sagt die Sonderpädagogin. Vor 15 Jahren hatte der Caritas-Verein entschieden, dass die Einrichtung den Namen „Sophie-Scholl-Schule“ erhalten soll. „Die Namensfindung war ein längerer Prozess“, erinnert sich Oltmanns. Auch die Eltern durften Vorschläge einreichen. Am Ende wurde abgestimmt.

Das kurze Leben von Sophie Scholl, ihr Wirken im Freundeskreis der Weißen Rose sowie ihr Prozess vor dem Volksgerichtshof sind inzwischen gut dokumentiertes Allgemeingut. Seit Kurzem hat die Widerstandskämpferin sogar einen eigenen Instagram-Kanal. Er richtet sich an junge Leute, die die letzten 10 Monate vor ihrer Verhaftung aus einer ungewöhnlich persönlichen Perspektive mitverfolgen können. Als „lebhaft und keck, mit heller klarer Stimme“ beschreibt eine Freundin Sophie Scholl in einer neuen Biografie. Ann-Kathrin Oltmanns bewundert vor allem die feste Haltung der erst 21-Jährigen, die sie ihren Schülerinnen und Schülern vermitteln möchte. „Auch sie müssen lernen, sich in der Gesellschaft gegen so manche Vorurteile, Abwertungen und Ausgrenzungen zu behaupten.“

Kinder mit Förderbedarf werden weiter stigmatisiert

Die Kinder, die die Sophie-Scholl-Schule in Lastrup besuchen, stammen aus dem gesamten Landkreis Cloppenburg. Obwohl sich die Zeiten geändert hätten, würden die 6- bis 15-Jährigen weiterhin Diskriminierungserfahrungen machen, bedauert Oltmanns. Offener Hass schlägt ihnen zwar nicht mehr entgegen, kleine Fiesheiten und abwertende Bemerkungen gebe es dagegen noch immer.

Stigmatisierung erleben Oltmanns Schützlinge nicht zuletzt durch die Sprache. Den Ausdruck „geistig behindert“ etwa hört die Schulleiterin nicht gern. Die Kinder hätten „Unterstützungsbedarf“, korrigiert sie. Auf Schulhöfen kursierten trotzdem weiterhin die einschlägig bekannten Schimpfwörter. „Seit wir in Lastrup sind, hat sich aber vieles verbessert“.

Die Sophie-Scholl-Schule kooperiert mit den beiden allgemeinbildenden Schulen vor Ort. Vor allem mit der Grundschule klappe das „wunderbar“, betont Oltmanns und lobt besonders die engagierte Schulleitung. In manchen Fächern, wie zum Beispiel Sport, finde gemeinsamer Unterricht statt. Berührungsängste gäbe es nicht. Je jünger die Kinder sind, desto natürlicher sei das Miteinander.

Gemeinsam im Widerstand: Die Geschwister Hans und Sophie Scholl wurden am 22. Februar 1943 hingerichtet. Foto: dpaGemeinsam im Widerstand: Die Geschwister Hans und Sophie Scholl wurden am 22. Februar 1943 hingerichtet. Foto: dpa

„Wir müssen endlich anfangen, etwas zu tun“, schrieb Sophie Scholl 1942. Von den Verbrechen der Deutschen in den eroberten Gebieten hatten sie und ihre Kommilitonen da bereits erfahren. Scholl zog ihre Konsequenzen und schloss sich dem studentischen Widerstandszirkel an. Ihr Appell solle Eltern ermutigen, sich für die Belange ihrer Kinder einzusetzen, wo es notwendig sei, heißt es in der Begründung für die Namenswahl. Dass Sophie Scholl am Ende ihr Engagement mit dem Leben bezahlen musste, sei Ausdruck der Unmenschlichkeit des Nationalsozialismus, unter dem auch Menschen mit Behinderung die Lebensberechtigung aberkannt worden sei.

In größerem Rahmen begehen kann die Förderschule – sie arbeitet während der Pandemie im Wechselmodell weiter – den 100. Geburtstag von Sophie Scholl nicht. Das Andenken an sie bewahren wollen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aber auf jeden Fall. „Ich bin stolz darauf, dass unsere Schule diesen anspruchsvollen Namen trägt“, betont Anne-Katrin Oltmanns.


Fakten:

  • Sophie Scholl wurde am 9. Mai 1921 in Forchtenberg bei Heilbronn geboren. Von ihren Eltern wurde sie zu christlichen Werten erzogen.
  •  Als junges Mädchen glaubte sie zunächst an die Nazi-Ideologie. Sie engagierte sich für ihre Jungmädel-Gruppe und wurde Scharführerin. Später wandte sie sich jedoch von den Jugendorganisationen der NSDAP ab.
  • Nach dem Abitur begann Sophie Scholl eine Ausbildung zur Kindergärtnerin. Während ihres Reichsarbeitsdienstes beschäftigte sie sich mit Religion und Philosophie.
  • Im Mai 1942 begann sie in München Biologie und Philosophie zu studieren. Über ihren Bruder Hans fand sie Anschluss an die Widerstandsbewegung. Im Januar 1943 war Sophie Scholl erstmals an der Herstellung eines Flugblatts der Weißen Rose beteiligt. Die Texte erregten Aufsehen und wurden auch von britischen Flugzeugen über Deutschland abgeworfen.
  • Am 18. Februar 1943 wurden die Geschwister Scholl bei der Verteilung von Flugblättern in der Universität entdeckt und der Gestapo übergeben. Vier Tage später verurteilte sie der Volksgerichtshof unter Vorsitz des aus Berlin angereisten Richters Roland Freisler zum Tode. Das Urteil wurde noch am selben Tag vollstreckt.

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