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Flüchtlinge aus Afghanistan

Kolumne: Auf ein Wort – Nein, wir Deutschen können nicht die ganze Welt retten, stimmt. Die andere Seite ist diese: Deutschland braucht rund 400.000 Zuwanderer pro Jahr – für den Arbeitsmarkt.

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Ich sehe das Bild der Kanzlerin 2015 noch vor mir. Die Hände so aneinandergelegt wie fast immer, die Fingerspitzen und die Daumen berühren sich. "Deutschland ist ein starkes Land ..., wir schaffen das." Eine Million Flüchtlinge kamen in unser Land. Heute die Tragödie Afghanistan. Viele der Afghanen wollen nach Deutschland. Es mehren sich die Stimmen: Bitte nicht noch einmal 2015. Nein, wir Deutschen können nicht die ganze Welt retten, stimmt. Aber wer will wo die Grenze ziehen? Das ist die eine Seite.

Die andere Seite ist diese: Deutschland braucht aus Sicht des Vorstandsvorsitzenden der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, rund 400.000 Zuwanderer pro Jahr – und damit deutlich mehr als in den vergangenen Jahren. Wir können uns doch nicht hinstellen und sagen: Wir wollen nicht noch mehr Ausländer! Menschen, die so oberflächlich denken und reden, verkennen die Realität des Arbeitsmarktes. "Nein, tun wir nicht", würden sie sich wehren und auf Sozialschmarotzer und Ausländerkriminalität hinweisen. Ja, so lassen sich Stimmen fangen vor der Wahl, Ängste schüren.

Ich kenne keinen Asylbewerber, der von staatlicher Unterstützung lebt, sich zurücklehnt und sagt: Gut so, das reicht mir. Das Jobcenter könnte sicher von solchen Menschen berichten. Ich will sie ja gar nicht leugnen, aber es sind nicht nur Flüchtlinge, Einheimische auch!

"Es ist eine Freude, sich mit diesen Menschen zu treffen, miteinander zu reden, voneinander zu lernen."Jörg Schlüter

Warum kommt das Positive so selten zur Sprache? Ich kenne Flüchtlingsfamilien, die erkannt haben: "Deutschland hat viel für uns getan, wir wollen etwas zurückgeben." Für erwachsene Menschen ist es nicht einfach, den Deutschkurs B1 zu schaffen - eine Deutschprüfung für Jugendliche und Erwachsene. Es wird eine selbstständige Verwendung der deutschen Sprache bestätigt. Ohne B1 keinen deutschen Pass.

Ich habe eine 35-Jährige vor Augen, die B1 geschafft hat. Ihr Vater war in Syrien Arzt. Als er starb, die Bomben immer näher kamen, flüchtete seine Frau mit den beiden Töchtern und dem Enkelkind. Die Anfangszeit in Deutschland hat viele Tränen gekostet.

Der 4-jährige Sohn der älteren Tochter hat hier in Vechta den Kindergarten besucht und die deutsche Sprache "im Vorbeigehen" gelernt, er spricht akzentfrei und wird das Gymnasium besuchen. Die jüngere Tochter hat gerade ihre Ausbildung beendet. Es ist eine Freude, sich mit diesen Menschen zu treffen, miteinander zu reden, voneinander zu lernen. Und was für Gaumenfreuden können sie zelebrieren und uns damit beschenken.

Ja, vielleicht sehe ich manches zu sehr durch die rosa Brille, aber ich will mich nicht immer vom Negativen bestimmen lassen. Ich kann das, was Jesus von sich sagt (Mt. 25), nicht auf ein ganzes Volk beziehen, wohl aber auf die Haltung des einzelnen Christenmenschen: "Als ich ein heimatloser Ausländer war, habt ihr mich aufgenommen."


Zur Person:

  • Jörg Schlüter ist evangelischer Geistlicher. Er war von 1998 bis 2011 Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Vechta.
  • Den Autor erreichen Sie unter redaktion@om-medien.de.

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