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Fastenzeit

Kolumne: Fasten ist gut für die Gesundheit – auch wenn das schwache Fleisch dem willigen Geist nicht immer folgt. Doch den meisten Christen scheint ein religiöses Fasten kaum noch zeitgemäß.

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Seit Aschermittwoch ist nun also Fastenzeit. Oder doch eher nicht? Zwar gilt auch heute ein Fasten für die Gesundheit oder ein Klimafasten als sinnvoll – auch wenn das schwache Fleisch dem willigen Geist nicht immer folgt. Doch während viele muslimische Mitbürger den Fastenmonat Ramadan feiern, scheint wohl den meisten Christen ein religiös begründetes Fasten kaum noch zeitgemäß. Man kann daran auch durchaus Anfragen haben.

Es ist seltsam, dass fromme Menschen nicht selten die Neigung haben, sich selbst zu quälen. Und zu glauben, das sei gottgefällig. Doch in der biblischen Paradies-Geschichte ist es nur die Behauptung der Schlange, Gott habe uns alle Bäume im Garten verboten. Hätte sie recht, dann wäre Gott ein Sadist, der uns inmitten köstlicher Früchte verhungern lassen wollte. Solche Gottes- und Lebensvergiftung ist nichts als Betrug der Schlange. Leider hat die Kirche manchmal diese biblische Warnung vergessen und das Spiel der Schlange gespielt. Alles Schöne stand unter Verdacht. In der jüdischen Tradition gibt es hingegen den Satz, beim Jüngsten Gericht müsse jeder Mensch Rechenschaft ablegen für alle guten Gaben, die er hätte genießen können – und nicht genossen hat.

Also, ich genieße gern. Aber es gibt doch auch gute Gründe für einen Verzicht, nicht nur aus Solidarität oder wegen der körperlichen Gesundheit. Wenn ein Flugzeug startklar ist, leuchtet ein Schriftzug auf: „Fasten your seatbelt“ – befestigen Sie Ihren Sitzgurt. Freier übersetzt: „Schnallen Sie den Gürtel enger!“ Das englische „Fasten“ ist sprachlich verwandt mit dem deutschen Fasten. Fasten meint nicht nur verzichten, sondern auch fest werden. Spüren, was mich wirklich hält und trägt.

"Ich erlebe meine Freiheit, wenn ich etwas lassen kann, obwohl es mich reizt – nicht mir das verboten ist, sondern weil ich das so will."Dr. Heinrich Dickerhoff

Ich trinke gern dunkles Bier und roten Wein und mag salzig-scharfe Knabbersachen. Aber wenn ich für 7 Wochen darauf verzichte, spüre ich, dass mein Glück nicht daran hängt. Ich erlebe meine Freiheit, wenn ich etwas lassen kann, obwohl es mich reizt – nicht mir das verboten ist, sondern weil ich das so will. Ich lerne, nichts Gutes für selbstverständlich zu halten, sondern mich darauf und darüber zu freuen. Und manchmal wird mir auch bewusster, dass es eine Sehnsucht gibt, die ich selbst nicht stillen kann. Nicht mit Bier und Wein und Chips. Nicht mit einem Zuhause oder mit Reisen durch die Welt. Nicht mit Erfolg, Ansehen und Aktivität.

In diesem Jahr haben wir uns als Familie eine fleischlose Fastenzeit vorgenommen. Ich bin nicht sicher, ob das wirklich klappt. Es geht aber auch nicht um Verzichtsleistungen, um Pluspunkte, die wir sammeln müssten. Die gibt es nicht im Himmel – die Engel singen, sie rechnen nicht. Und auch bei Mitmenschen gibt es keine Pluspunkte für die, die angeben, ob mit Besitz oder Verzicht. Auf das Sammeln von Pluspunkten zu verzichten, ist das wichtigste Fasten. Mir nicht verdienen wollen, dass es mich gibt. Mein Leben als Geschenk annehmen. Und darum gilt, wie mein Onkel Hermann mit rheinischer Lebensweisheit zu sagen pflegte: „Man muss auch mal auf ein Opfer verzichten können!“


Zur Person:

  • Heinrich Dickerhoff ist Akademiedirektor in Rente, Hausmann und arbeitet als freiberuflicher Dozent. Er wohnt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter: redaktion@om-medien.de.

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