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Fahrraddemo in Vechta: Eltern und Kinder forden Schulöffnung

Etwa 100 Teilnehmer hatte die Aktion, zu der der Stadtelternrat aufgerufen hatte. Die Organisatoren fordern das Szenario B unter höheren Schutzstandards – damit Bildung trotz Corona möglich bleibt.

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Teilnehmer der Demo auf dem Europaplatz in Vechta. Foto: Tzimurtas

Teilnehmer der Demo auf dem Europaplatz in Vechta. Foto: Tzimurtas

Immer wieder rufen sie: "Schulen auf! Schulen auf!" Auch Geklingel ertönt, als etwa 100 Personen mit dem Fahrrad am Freitag durch Vechta ziehen. Zweieinhalb Runden dreht der Korso von etwa 14 Uhr bis 14.30 Uhr – begleitet von Polizeifahrzeugen – in der Innenstadt vom Bremer Tor über die Große Straße, an der Propsteikirche vorbei über die Burgstraße und den Klingenhagen zurück zum Bremer Tor.

Pappschilder sind auf Rädern angebracht. "Handeln statt warten" steht darauf. Oder: "Ich will endlich in die Schule". Ebenso ist die Forderung "Krisensichere Schule" zu lesen. Organisiert wurde die Aktion – die coronakonform abgehalten wurde – vom Stadtelternrat der Schulen in Vechta.

Über das Ziel sagte die Vorsitzende Susanne Ahlers-Wübbeler auf der Schlusskundgebung auf dem Europaplatz: Es sei die Pflicht der Eltern, das Recht der Kinder auf Bildung und Gemeinschaft einzufordern. "Schulöffnung für alle Schülerinnen und Schüler im Wechselszenario B" ist nicht nur der Titel der Demo – sondern auch das zentrale Anliegen, nach vielen Monaten des Homeschoolings in Corona-Zeiten.

"Meine Kinder sind mürbe und ich bin mürbe."Susanne Ahlers-Wübbeler, Vorsitzende des Stadtelternrats der Schulen in Vechta

Ahlers-Wübbeler ist an einer Stelle ihrer Rede auch von Tränen überwältigt. "Meine Kinder sind mürbe und ich bin mürbe", berichtete sie. Und: Mit der Motivation sei es schwierig, wenn sie die Perspektive nicht kenne. "Deswegen: Öffnet, verdammt noch mal, die Schulen", sagte sie.

Dafür gab es Applaus. Zustimmung und Anerkennung drückte er aus. Was Ahlers-Wübbeler ausgesprochen hat, davon sind alle, die an der Demo teilnahmen, betroffen. Dennoch: Es ist keine Wut spürbar. Vielmehr ist von Verzweiflung sowie Überlastung die Rede – und insbesondere die Sorge um das Wohlergehen des Nachwuchses brachte die Eltern auf die Straße.

Korso durch die Innenstadt. Foto: TzimurtasKorso durch die Innenstadt. Foto: Tzimurtas

Auch das Ehepaar Kazmierski und Sohn Leon (7) aus Vechta waren dabei. Mutter Annett sagte: Der Besuch der Grundschule sei wichtig, weil dort schließlich die Grundlagen für alles Weitere gelegt würden, "jetzt müssen wir den Kindern Rechnen, Schreiben und Lesen beibringen". Und Vater Peter führt aus: "Wir sind nicht dafür ausgebildet."

Katrin Arck-Menke, Mutter zweier Kinder und Mitglied im Stadtelternrat Vechta, betonte: "Es ist wichtig, dass Kinder zurück in die Schule kommen und soziale Kontakte haben." Professor Dr. Gerald Eisenkopf, einer der Organisatoren der Demo, sagte: "Wir wollen die Aufmerksamkeit darauf lenken, welche Folgen die Schulschließungen für Kinder haben und dass sie unter der Pandemie leiden." Die Demo habe eine konstruktive Absicht.

Lüfter sollen Schutzkonzept ergänzen

Wie aber soll der Schulbetrieb während der Pandemie genau funktionieren? Eisenkopf, Vorsitzender des Schulelternrats am Gymnasium Antonianum (GAV) in Vechta, erklärte: Alle Schulen sollen "so bald wie möglich" im Szenario B (Wechselunterricht) öffnen. "Und wir müssen in die Hygienekonzepte mehr reinstecken", sagte er.

Insbesondere Lüfter spielen hier eine wichtige Rolle. Auch Masken sowie intensivere Testungen und Lehrerimpfungen gehören zum Konzept. Bei den Inzidenzwerten, da sei für ihn die 165er-Grenze, wie sie per Bundesgesetz für Schulschließungen festgelegt wurde,  akzeptabel, sagte Eisenkopf.

In Niedersachsen öffnen die Schulen ab Montag laut aktuellem Beschluss des Kultusministeriums mit Wechselunterricht – sofern der Inzidenzwert in einem Landkreis unter 165 liegt. Und unabhängig von der Inzidenz gilt "Szenario B" für Abschlussklassen, die vierte Klasse sowie für Förderschulen.

Plakate mit den Botschaften der Demo: Foto: TzimurtasPlakate mit den Botschaften der Demo: Foto: Tzimurtas

Warum also die Demo? Eisenkopf sagte: Die Demo sei schon länger angekündigt gewesen, andernorts im Land habe es ähnliche Proteste gegeben. Es sei nicht auszuschließen, dass der "Druck von unten" Bewegung in die Politik gebracht habe. Und: Es gehe um langfristige Lösungen. Das sagte auch Ahlers-Wübbeler immer wieder. Einfach die Schule immer aufs Neue zu schließen, das sei keine Lösung – so die dringende Mahnung. Ebenso betonen die Organisatoren wiederholt: "Wir sind keine Corona-Leugner."

Es gibt auch Eltern, die die Demo und die Forderungen kritisch sehen. Ein Vater, der nicht namentlich genannt werden will, aber der Redaktion bekannt ist, erklärte: Zweimalige unkontrollierte Selbsttests in der Woche und ein Lüften der Klassenräume seien als Hygienekonzept kaum ausreichend.

Und wenn viele Schülerinnen und Schüler mit Bussen zu ihren Schulen gefahren werden, sei hier "die Idee der überschaubaren Kohorte ad absurdum geführt". Bildung sei ein hohes Gut, aber "Gesundheit steht noch höher."

Eisenbart entgegnet dieser Argumentation: Das sei eine Frage der Abwägung. Auch "Mut zum Risiko" müsse sein, "weil die Kinder die Konsequenzen der Schulschließung tragen". Ihre Interessen seien auch zu beachten.

Mechthild Imwalle, pensionierte Lehrerin aus Damme und eine von mehreren spontanen Rednerinnen und Rednern auf der Demo, sagte: Die Impfungen von Lehrern gingen voran, Schüler würden getestet, Schulen hätten Hygienekonzepte. "Warum, Herr Weil und Herr Tonne,  machen Sie die Schulen nicht auf und verwehren das Recht auf Bildung?", fragte sie in Richtung Regierungschef und Kultusminister.

Rede vor den Demo-Teilnehmern mit Botschaften Richtung Landesregierung: Susanne Ahlers-Wübbeler, Stadtelternratsvorsitzende. Foto: TzimurtasRede vor den Demo-Teilnehmern mit Botschaften Richtung Landesregierung: Susanne Ahlers-Wübbeler, Stadtelternratsvorsitzende. Foto: Tzimurtas

Auch Kinder kamen zu Wort am Mikrofon. Frieda (7) und Benedikt (7) betonten, wie "doof" Homeschooling sei. Die Psychologin und dreifache Mutter Doris Heimann sagte, ihr fehle beim Krisenmanagement "die Wahrnehmung der Kinder". Deshalb sei es ihr wichtig gewesen, an der Demo teilzunehmen.

Ahlers-Wübbeler lobte zudem das Engagement der Lehrer, die sich auch während des Homeschoolings um Kinder und Eltern kümmern. Und die Polizei stellte fest, dass die Demo vorbildlich organisiert gewesen sei. Am Ende erklang dann noch einmal ein Klingelkonzert – und der Ruf: "Schulen auf! Schulen auf!"

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