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Extremismus oder nur ein Nachbarschaftsstreit?

Kolumne: Recht hat, wer Recht bekommt – Immer wieder hat ein 72-Jähriger seinen Nachbarn in Bakum mit einem Stinkefinger aus dem Auto heraus beleidigt. Dabei kannte das Opfer den Mann noch nicht mal.

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Beleidigung stand auf dem Zettel an der Tür zum Saal des Strafgerichtes. Es ging nur um einen Nachbarschaftsstreit oder vielleicht doch auch um Extremismus. Die Gegner kannten sich nicht, sie sahen sich nur manchmal. Trotzdem ging es hoch her. Angeklagt war ein 72-jähriger aus New York, der in Bakum wohnt. Als „Opfer“ fungierte ein Ehepaar aus Albanien-Kosovo. So ganz klar war das alles nicht.

Der Reihe nach. Der 72-Jährige hatte vom Gericht einen Strafbefehl wegen Beleidigung bekommen. Dagegen hatte er Einspruch eingelegt, da er ein Alibi hatte, und es kam zur Hauptverhandlung. Der Angeklagte konnte nicht kommen, da er sich im Krankenhaus befand. Der Lohner Verteidiger erklärte, sein Mandant sei am fraglichen Tag nicht in Bakum, sondern auf dem Friedhof in Langförden gewesen. Er habe eine Zeugin.

Das 40-jährige Opfer, das mit seiner Frau in der gleichen Straße wohnt, erzählte als Zeuge, dass es den Angeklagten eigentlich nicht kenne. Das Ehepaar habe den Angeklagten nur öfter im Auto vorbeifahren gesehen. Der habe immer den Mittelfinger gezeigt und auch schon mal Nazi gerufen und das manchmal mehrfach am Tag. Der so Beleidigte konnte sich nicht erklären, warum der Mann das mache. Die Ehefrau des Zeugen war schließlich zur Polizei gegangen und hatte Anzeige erstattet. In den letzten zwei Monaten vor der Gerichtsverhandlung hätten die Beleidigungen dann aufgehört.

"War die Stinkefinger-Sache ein Nachbarschaftsstreit, ohne das man sich kennt?"
Klaus Esslinger

Bei der Frage nach den Gründen kamen alle Beteiligten im Gerichtssaal zu dem Schluss, das die Beleidigungen in einem Zusammenhang mit dem Arbeitgeber des Zeugen und insbesondere mit einem Kombi mit der Aufschrift der Baufirma zu tun haben könne. Mit seinem Arbeitgeber hatte das Opfer aber nicht gesprochen, ob dieser den Amerikaner kenne und ob etwas vorgefallen sei. Etwas Licht ins Dunkel brachte der Polizeibeamte, der die Strafanzeige der Frau entgegengenommen hatte. Der kannte den US-Amerikaner, denn es habe schon mal was gegeben und er habe mit ihm gesprochen. Der Mann sei sehr emotional eingestellt und glaube, dass man etwas gegen Juden und Amerikaner habe, aber so ganz genau wisse der Polizist das aber auch nicht.

War die Stinkefinger-Sache ein Nachbarschaftsstreit, ohne das man sich kennt? Hatte der Angeklagte etwas gegen Menschen mit Migrationshintergrund? Oder verhielt es sich umgekehrt? Nun, der Strafbefehl lag nun einmal vor. Einspruch war auch eingelegt. Guter Rat war teuer. Die Staatsanwältin fand die Lösung: Wie wäre es mit einer Einstellung des Verfahrens. Allerdings trage die Auslagen für den Verteidiger nicht der Staat. Diesem Vorschlag stimmte der Verteidiger zu, was erforderlich war. Er und die Strafrichterin waren gleichermaßen froh, dass die Akte geschlossen werden konnte. Bleibt die Hoffnung, dass das Ganze nicht wieder von vorne losgeht.


Zur Person:

  • Klaus Esslinger ist Gerichtsreporter und war viele Jahre Lokalchef der Oldenburgischen Volkszeitung.

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