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Excuse me? Wir haben 2022!

Kolumne: Die Generation Z zeigt's Ihnen – Solange Frauen in Bereichen wie Medizin oder Mobilität benachteiligt sind, gibt es noch keine Geschlechtergerechtigkeit.

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Na, frieren Sie schon oder denken Sie noch? Energiesparen ist aktuell das Thema der Stunde, so werden ab September zum Beispiel öffentliche Gebäude nur noch bis höchstens 19 Grad geheizt. Dabei können Frauen bei über 20 Grad leistungsfähiger arbeiten, Männer bei unter 20 Grad.

Das besagt zumindest eine Studie von Tom Chang (University of South California) und Agne Kajackaite (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung), bei der Probandinnen und Probanden Denkaufgaben bei unterschiedlicher Raumtemperatur lösen mussten. Je wärmer es wurde, desto besser schnitten die Frauen ab. Da bekommt "Gehirnfrost" doch gleich eine ganz andere Bedeutung.

Ich nehme an, dass unsere Bundesregierung wohl nicht die gleiche "Wer weiß denn sowas"-Folge wie ich gesehen hat und die Diskriminierung nicht beabsichtigt war, deswegen verzeihe ich wohlwollend. Aber Spaß beiseite und jetzt mal im Ernst – warum muss Ernstine viel zu oft viel zu kurz kommen?

Für Crash-Tests werden meistens männliche Dummys verwendet

Dass die Studie von Chang und Kajackaite überhaupt das Verhalten von beiden Geschlechtern untersucht, ist ja schon sehr fortschrittlich. Schließlich werden für Crash-Tests immer noch meistens männliche Norm-Dummys verwendet. Die Dummen sind am Ende die Frauen, die bei Verkehrsunfällen schlechter geschützt sind, weil sie durchschnittlich kleiner als der "50-Perzentil-Mann" sind.

Fast noch schlimmer finde ich aber die Reaktion, als Katharina Fegebank von den Grünen in Hamburg im vergangenen Jahr etwas gegen diese Ungleichbehandlung unternehmen wollte. Ein bekanntes Boulevard-Blatt titelte "Vize-Bürgermeisterin will Dummys gendern". Der CSU-Bundestagsabgeordnete Florian Hahn (die Namensgleichheit ist reiner Zufall) sprang auf das böse Wort mit G an und antwortete mit beißendem Spott.

„Mit Blumen zum Weltfrauentag am 8. März ist nicht geholfen. Tatsächliche Gleichberechtigung dagegen wäre ganz wünschenswert.“Fenja Hahn

Und das ist nur ein Beispiel von vielen. Auch in der Medizin kann von Geschlechtergerechtigkeit keine Rede sein. Dabei gilt der Herzinfarkt als prägnantes Beispiel, denn die Symptome können sich bei Frauen und Männern unterschiedlich äußern. Frauen wurden nach der Contergan-Tragödie in den 50er-Jahren beinahe kategorisch von klinischen Studien ausgeschlossen. 1994 wurde erstmals in den USA eine Richtlinie veröffentlicht, die auch weibliche Testpersonen vorschreibt.

Immer noch gibt es in den medizinischen Bereichen weniger Daten zu Frauen als zu Männern. Die Lösung lautet Gendermedizin, allerdings besteht auch hier die Gefahr von akuten allergischen Reaktionen auf das Wort, das nicht genannt werden darf.

Die Quintessenz ist: Mit Blumen zum Weltfrauentag am 8. März ist nicht geholfen. Tatsächliche Gleichberechtigung dagegen wäre ganz wünschenswert. Um der GenZ-Kolumne gerecht zu werden, will ich mit einem passenden TikTok-Trend enden: "Excuse me? Wir haben 2022!"


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