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Ethik trifft auf Paragraphen: Wie weit muss ein Betreuer die Ausübung des "Rechts auf Selbsttötung" unterstützen?

Der Betreuungsverein Cloppenburg hat für den 11. Oktober Stefan Kliesch eingeladen. Der Ethiker will Betreuern und Angehörigen helfen, ihren Weg zwischen Fürsorge und Selbstbestimmung zu finden.

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"Betreuung und Selbsttötung“ thematisiert Stefan Kliesch (rechts). Der Betreuungsverein Cloppenburg mit Geschäftsführer Wilfried Abheiden hat ihn zum Vortrag eingeladen. Foto: Kühn

"Betreuung und Selbsttötung“ thematisiert Stefan Kliesch (rechts). Der Betreuungsverein Cloppenburg mit Geschäftsführer Wilfried Abheiden hat ihn zum Vortrag eingeladen. Foto: Kühn

Der Betreuungsverein Cloppenburg lädt für den 11. Oktober (Montag) zu gleich 2 Veranstaltungen ein. Um 17.30 Uhr werden Vorsitzender Aloys Freese und Geschäftsführer Wilfried Abheiden zunächst die Mitglieder zur Jahresversammlung begrüßen. Ab 19.30 Uhr wird in der Stadthalle der Ethikexperte Stefan Kliesch in einem öffentlichen Vortrag über das Thema "Suizid-Beihilfe – eine Aufgabe des rechtlichen Betreuers?" sprechen. Der Fachmann vom Landescaritasverband will das Thema, das sich insbesondere "im Spannungsfeld zwischen Fürsorge und Selbstbestimmung" massiv auswirkt, einordnen helfen.

Bundesverfassungsgericht urteilt, dass jeder Mensch ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben hat 

Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Februar 2020 müssen Ärzte nicht mehr befürchten, dass sie sich strafbar machen, wenn sie Hilfe beim Suizid leisten. Mit dem Beschluss erklärten die Karlsruher Richter den Strafrechtsparagraphen 217 für verfassungswidrig. Im Urteil legt das Gericht fest, dass jeder Mensch ein Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben hat. Dies schließe auch die Freiheit ein, sich selbst das Leben zu nehmen und sich dabei von anderen helfen zu lassen. Das Recht sei nicht auf den Krankheitsfall beschränkt, es bestehe in jeder Phase des Lebens.

Wie aber gehen Betreuer mit diesem "Recht auf Selbsttötung" um, äußert ein von ihnen Betreuter einen Sterbewunsch: "Betreuer sind angetreten, die ihnen anvertrauten Menschen fürsorglich zu begleiten. Betreuungspersonen wollen von ihrem Verständnis her eigentlich ein menschenwürdiges Sterben ermöglichen. Eine Rolle der assistierten Suizidbegleitung ist für die meisten daher undenkbar", fasst Kliesch die sich im Zusammenhang mit dem Urteil stellenden ethischen Fragen zusammen. "Wie sich also verhalten? Gibt es auch eine Fürsorge mit Blick auf die Selbsttötung? Muss ein Betreuer dem Selbsttötungswillen des Betreuten folgen, zum begleiteten Suizid hinführen, auch den letzten Schritt, den der Durchführung, mitgehen?" Betreuer müssten letztlich ihre Rolle selbst definieren, so Kliesch.

Besonders schwierig werde das Thema dann, wenn ein freier, verlässlicher Wille des Betreuten, die "Einwilligungsfähigkeit" fehle. Auch Angehörige könnten schnell vom Thema betroffen sein, etwa wenn es eine entsprechend formulierte Vorsorgevollmacht gebe.

"Jede Betreuung ist anders. Aber das Thema ist da."Wilfried Abheiden, Geschäftsführer des Betreuungsvereins Cloppenburg

Für den Betreuungsverein stellen sich nicht nur ethische, sondern auch rechtliche Fragen, erklärt Abheiden. Generell gelte: "Wie wollen wir das Thema handhaben? Wie stehen wir als Verein dazu?" Eine Generalisierung helfe nicht, denn "jede Betreuung ist anders. Aber das Thema ist da", berichtet der Geschäftsführer vom Anruf einer ehrenamtlichen Betreuerin, die mit dem Sterbewunsch eines Betreuten konfrontiert sei.

Im Vorfeld der Versammlung des Betreuungsvereins, der rund 200 Mitglieder hat, spricht Abheiden davon, dass dieser inzwischen finanziell vernünftig aufgestellt sei. Bevor Abheiden sein Amt antrat, hatte der Verein wegen seiner negativen Bilanzzahlen Schlagzeilen produziert. Abheiden verwaltet aktuell ein Budget von etwas über einer halben Million Euro. Gemeinsam mit dem Vorstand, so der Geschäftsführer, habe man es geschafft, dass die schwarze Null in Sichtweite ist. Dieses Jahr gebe es zwar noch ein Defizit, dieses aber würde durch den Landkreis Cloppenburg ausgeglichen. Man sei "finanziell gut ausgestattet. Ob wir die Null 2022 oder 2023 schaffen, das weiß ich zwar noch nicht, aber wir werden bald positiv abschließen". Man sei zuletzt stabil gewachsen. Das Vertrauen der Netzwerke und Partner, darunter insbesondere der Gerichte und Betreuungseinrichtungen, sei weiter vorhanden. "Man kann sich auf den Verein verlassen", erklärt Abheiden.

Zum Kliesch-Vortrag in der Stadthalle ist eine vorherige Anmeldung erforderlich

Die rechtlich-soziale Betreuung Erwachsener mit einer psychischen Erkrankung, einer körperlichen oder geistigen Behinderung ist Aufgabe von Kreis und kreisangehörigen Kommunen. Diese delegieren die Betreuung unter anderen an den Verein. Dieser beschäftigt 5 Berufsbetreuer in Vollzeit und Teilzeit, die etwa 150 Menschen im Landkreis Cloppenburg betreuen. Hinzu kommen rund 70 Ehrenamtliche, die noch einmal etwa 200 Personen unterstützen. Hinzu kommen im Kreisgebiet weitere freiberufliche Betreuer. Die Mitarbeiter des Vereins seien "gut ausgelastet", erklärt Abheiden.

  • Info: Die Einladung zum öffentlichen Vortrag von Kliesch, nach dem gerne diskutiert werden darf, richtet sich an alle Interessierten aus Betreuung, Einrichtungen sowie Angehörige. Da die Sitzplätze begrenzt sind, ist eine vorherige Anmeldung unter Telefon 04471/9130-0 oder per Mail an info@betreuungsverein-cloppenburg.de erforderlich. Es gilt die 3G-Regel.

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